Nestervals Eldorado

In Wien sind sie schon lange Stars der Freien Szene, ihre immersiven Projekte stets schnell ausverkauft. Auch in Hamburg waren sie beim Internationalen Sommerfestival von Kampnagel schon zu Gast. Nun war „Nesterval“ auch erstmals in Berlin zu erleben. Die Sophiensaele wurden anlässlich ihres 30jährigen Bestehens in ein Labyrinth aus kleinen, mit Vorhängen abgetrennten Büros und Zimmern umgebaut.

Nach einem Intro von Felizitas Navidad als Claire Waldoff, legendäre offen lesbische Chanson-Sängerin im Berliner Nachtleben der Weimarer Republik, wird der Zuschauer-Pulk in den Werkshallen der fiktiven Nesterval-Fabrik aufgeteilt. Wir folgen in Kleingruppen je einer von ca. 20 Figuren aus dem Mikroskosmos. Man kann „seiner“ Figur treu bleiben oder sich nach einer Begegnung einem neuen Charakter anschließen. Manchmal erfolgt dieser Wechsel auch nicht ganz freiwillig, wenn sich die Bezugsgruppe plötzlich im allgemeinen Gewusel des Labyrinths verliert oder – vor allem gegen Ende – die martialisch auftretenden NS-Schergen die Wege versperren und nur Teile der Gruppe passieren lassen.

Die Stärke des immersiven Abends ist, dass man in den pausenlosen knapp 3 Stunden in die Atmosphäre der untergegangenen schwulen und lesbischen Kultur der 1920er Jahre eintauchen kann. Körperlich mitzuerleben ist, wie die Freiräume in der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geringer werden und sich die Partys in dunkle, sorgsam abgeschottete Räume verlegen.

Ganz am Ende bekommen die „Namenlosen“ – so lautete der Titel der Original-Produktion von 2023, die für Berlin adaptiert wurde – in einer Trauerprozession zur Kantine ihre Namen. Bis dahin erleben wir prototypische Charaktere, angereichert durch Recherche-Material aus Wien und dem Berliner Scheunenviertel: den ideologischen Nazi, die Putzfrau, die denunziert, den hilflosen Pfarrer, der nur betet, den naiven Jungen, der in Abenteuer hineinstolpert, den Fotografen, der glaubt, sich ein Modell sexueller Freiheit erdacht zu haben.

Beeindruckend ist der logistische Aufwand, mit dem diese kleinen Geschichten ein Panorama queerer Verfolgung der Nazi-Zeit entstehen lassen. Ein gewaltiger Kraftakt für die Freie Szene und ihre Spielstätten, der dank Förderern wie der Kulturstiftung des Bundes, des österreichischen Bundesministeriums für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport, der Stadt Wien, der Ilse und Dr. Horst Rusch-Stiftung und der Between Bridges Stiftung möglich ist.

Angenehm an „Nestervals Eldorado“ ist, dass die Produktion zum Eintauchen einlädt. Hin und wieder wird das Publikum, das die „Gedanken“ der Akteure verkörpert, auch angesprochen, aber meist nur um ein Nicken oder einen zustimmenden Satz gebeten. Zum Mitmach-Theater wird hier niemand genötigt. Gut zu Fuß sollte man jedoch sein: treppauf, treppab ist der Parcours nicht barrierefrei, Sitzgelegenheiten sind rar, Pausen nicht vorgesehen, allerdings in der Kantine möglich. Auch die Enge der Räume, in denen manchmal auch drei Kleingruppen mit ihren Protagonisten zusammenkommen, ist sicher nicht für jeden erträglich.

Wenn man diese Rahmenbedingungen akzeptiert, erlebt man beeindruckendes Theater, das im Stil von Serien in die historische Welt mitnimmt, aber viel unmittelbarer funktioniert als Netflix auf der Couch. Mit klassischem Guckkasten-Stadttheater hat diese Produktion naturgemäß noch weniger zu tun.

Nestervals Eldorado hatte am 24. September 2026 in den Sophiensaelen Premiere und ist nur noch heute zu sehen.

Bilder: Alexandra Thompson

 

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