Oliver Reese hat ein besonderes Näschen für Stoffe, mit denen er zielsicher auch theaterfernere Menschen in sein Berliner Ensemble lockt. Die beeindruckenden Auslastungszahlen verkündet er stets mit Stolz. Und auch dieses Auftragswerk ist wieder ein Publikumsrenner, die ersten Vorstelllungen im Neuen Haus waren schon vor der Premiere ausverkauft.
Im trüben Corona-Lockdown landete der rbb einen Überraschungshit: Felix Kramer und Ronald Zehrfeld plauderten sich mit lakonischen Alltagsbeobachtungen an einer Bushaltestelle irgendwo jwd in Brandenburg durch ihr Leben als langzeitarbeitslose Singles.
Von Bielefeld bis Brandenburg/Havel gab es bereits Theater-Adaptionen der beiden Staffeln, zuletzt auch an der Berliner Vagantenbühne. Reese beauftragte Oliver Bukowski (Headautor und Erfinder von „Warten auf´n Bus“) und Hannah Zufall (eine der Autorinnen) damit, zwei neue Folgen für sein Haus zu schreiben.
Ralle (Gabriel Schneider) und Hannes (Peter Moltzen) streifen in den beiden einstündigen Folgen „On Air“ (Bukowski) und „München kann jeder“ (Zufall) durch ihre Alltagsbeobachtungen zu Politik und Gesellschaft, streifen diverse Diskurse und Kulturkampf-Themen und wälzen sich auch mal streitend am Boden.
Max Hopp, der bereits mit einem Solo nach Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ im BE-Repertoire vertreten und dem Berliner Publikum vor allem als feste Größe aus den Operetten-Hits von Barrie Kosky an der Komischen Oper wie „Orpheus in der Unterwelt“ vertraut ist, drückt ordentlich auf die Regie-Tube. Slapstick und Tempo dominieren im Theater-Sequel. Sprunghaft geht es von einem Themen-Schnipsel zum nächsten, ein Höhepunkt sind die Rap-Einlagen, in denen das herbstlich-dreckige Berlin als „Bitch“ gedisst wird.
Zum Schmunzeln gibt es in den mehr als zwei Theaterstunden auch sonst einiges, aber kaum ein Satz oder eine Pointe hallt länger nach. „Wir sind det erste, frühe Vollbild von der Scheiße“ lässt Bukowski seine Ralle-Figur einmal sagen und spricht auch im Programmheft-Interview ausführlich über die Phänomene von Marginalisierung und Radikalisierung in den Landstrichen fern der Metropolen. Daraus entsteht ein zwar launig-unterhaltsamer, aber nicht sehr tiefgründiger Abend, der sich gut konsumieren lässt.
Bild: Moritz Haase