Iphigenie in Tempelhof

Das Konzept klingt spannend: die beiden syrischen Theatermacher Omar Abusaada und Mohammad Al Attar versuchen, Motive und Passagen aus den beiden „Iphigenie“-Tragödien des Euripides mit den Geschichten und Anekdoten von neun Frauen, die aus Syrien nach Deutschland geflohen sind, zu verweben. Interessant an diesem Plan ist auch, dass die jungen Frauen (zwischen Jahrgang 1988 und 2000) völlig unterschiedliche Hintergründe haben. Die einen sind mit Leib und Seele Schauspielerinnen und besuchten schon vor dem Krieg in ihrer Heimat die Schauspielschule. Andere sehen ihre Zukunft eher als Ingenieurinnen oder Zahnärztinnen, kamen eher durch Zufall zu diesem Projekt und stehen zum ersten Mal auf einer Bühne. Das Setting des „Iphigenie“-Abends im Hangar 5 des Flughafens Tempelhof, sieht vor, dass sie bei einem Casting um die Titelrolle konkurrieren.

Von ihrer Stuhlreihe im Halbdunkel erhebt sich eine nach der anderen und wird von Reham Alkasaar mit der Videokamera gefilmt. Wir lernen sehr unterschiedliche Charaktere kennen, Schüchterne und Extrovertierte. Sie dürfen einen kurzen Monolog vorsprechen oder begründen, mit welchen Facetten der mythischen Iphigenie aus der Familie der Atriden sie sich identifizieren können.

IPHIGENIE

Soweit klingt das immer noch sympathisch und spannend. Die Umsetzung haperte jedoch gewaltig. Das erste Problem ist schon, dass sich die neun Casting-Szenen ohne jede Auflockerung und nur durch die kurze Einblendung eines „Iphigenie“-Zitats unterbrochen in ihrem Grundmuster wiederholen. Das ist schon nach der ersten halben Stunde, die unglücklicherweise auch die schwächste ist, ziemlich ermüdend.

Noch schlimmer ist: Der Abend hat sich zwar vorgenommen, die großen Fragen zu stellen: Wo sehen die Frauen Anknüpfungspunkte der Iphigenie-Figur zu ihrem Leben? Die Themen „Vater-Tochter-Verhältnis“ und „Aufopferung“ werden angeschnitten, auch die Exil-Situation wird mehrfach angesprochen. Aber das bleibt alles zu bemüht und in Ansätzen stecken. Über weite Strecken sind die Casting-Interviews zu fad, erst kurz vor Schluss wird es langsam besser.  Die Szenen treten meist so verkrampft auf der Stelle, dass sie gar keine Chance haben, bis zu den interessanten Aspekten vorzudringen.

Dann kam auch noch Pech für die syrischen Frauen und das Dercon-Team hinzu, das an der Volksbühne massivem Gegenwind ausgesetzt sind: Zwanzig Minuten vor dem Ende fielen zunächst die englischen und deutschen Untertitel der arabischen Dialoge aus. Kaum war das behoben, musste ein Mitarbeiter auf die Bühne rennen, um Tonprobleme zu regulieren.

Bilder: Gianmarco Bresadola

 

 

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