Herzzerreißend leiden und klagen die Tschechow-Figuren vor sich hin. Olga (Bettina Hoppe), Mascha (Constanze Becker) und Irina (Lili Epply) sehnen sich nach einem Neuanfang, wollen endlich etwas Sinnvolles mit ihrem Leben anfangen und vor allem zurück „nach Moskau, nach Moskau“.
Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik, seit Oliver Reeses Antritt eine seiner festen Größen am BE, inszeniert den Klassiker gediegen-konservativ und setzt auf das starke Ensemble, aus dem neben den drei genannten Schwestern noch Sebastian Zimmler als der von Mascha angeschmachtete Oberst Werschinin herausragen.
Erfreulicherweise bleibt die Tschechow-Inszenierung nicht im Retro-Chic und Weltschmerz stehen. Koležnik und ihr Team docken den Stoff mit einem eigentlich sehr naheliegenden, dennoch so noch nicht gesehenen und überzeugenden Regie-Einfall an die Gegenwart an. In den meisten Tschechow-Inszenierungen dämmern die Frauen elegisch vor sich hin, ist alles Militärische nur als Hintergrundrauschen präsent. Doch vier Jahre nach der „Zeitenwende“ und einen Tag nach der vom Verteidigungsminister verkündeten Militärstrategie, die Russland zur größten Bedrohung erklärt, bricht auch in das lamentierende Parlando der Schwestern ähnlich wie in unseren Diskurs das Militärische mit aller Macht herein.
Ein ganzer Trupp von uniformierten Statisten wuselt immer wieder um die Schwestern herum. Statt verwelkender Landsitz-Eleganz bewohnen sie einen in die Jahre gekommenen Bunker, der mit seinen Armaturen und Telefonen wie aus dem vergangenen Jahrhundert wirkt. „Nach Moskau, nach Moskau“ wird leitmotivisch hingeseufzt, während die Truppen sich an der Grenze zu Polen formieren und die drei Schwestern zu ihrem Italo-Pop-Hymnen-Lieblingssong ungelenk-tragikomisch tanzen. Überdeutlich schrillen die Alarmglocken, sie tanzen dennoch bis zur finalen Detonation weiter.
Mateja Koležnik versteht es mit dieser „Drei Schwestern“-Inszenierung, die am 23. April 2026 im Großen Haus des Berliner Ensembles Premiere hatte, die Sehgewohnheiten der oft sehr konservativen Stamm-Klientel zu bedienen und dennoch Brücken in die Gegenwart zu schlagen.
Bild: Jörg Brüggemann