Radar Ost 2019

Zum zweiten Mal lud das Deutsche Theater Berlin Gastspiele aus Osteuropa zu einem kleinen Festival ein.

Im Zentrum von „Radar Ost“ 2019 stand eindeutig „Who is happy in Russia?“: beide Vorstellungen des Gastspiels vom Gogol Center waren ausverkauft. Der sehr lange Abend, den ich vor einigen Monaten schon bei Lessingtagen des Hamburger Thalia Theaters gesehen habe, hat zwar nicht die Qualität des Meisterwerks „Machine Müller“, ist aber immer noch ein sehenswerter Abend des russischen Starregisseurs Kirill Serebrennikow. Der Stilmix drohte sich zu verzetteln und ist an einigen Stellen ungewohnt plakativ geraten. Als künstlerisches Manifest gegen die autoritäre Bedrohung und für die Freiheit ist der Abend hochaktuell.

Mit dem Rollback in postsowjetischen Staaten beschäftigte sich auch die kafkaeske Parabel „Der Mann von Podolsk“. Dmitiri Danilows Stück wurde 2017 im Teatr.doc uraufgeführt, neben dem Gogol Center die wohl wichtigste Spielstätte der Putin-kritischen, unabhängigen Moskauer Theaterlandschaft. Zu „Radar Ost“ war jedoch die Inszenierung des Belarusian State Youth Theatre aus Minsk eingeladen.

Der Abend ist als politisches Thesentheater und Kommentar zur aktuellen Situation interessant: Nikolai wird eines Morgens verhaftet und wird auf der Wache mehreren bohrenden Verhören unterzogen. Das von einer Frau angeführte Befragungs-Team ist besonders übergriffig: Hier kreuzen sich klassische Polizeistaatsmethoden mit neoliberalen Glücksversprechen. Die Polizisten sind keine „stereotyp-brutalen Bullen“, wie das Programmheft richtig feststellte, sondern sehen Nikolai als Therapie-Versuchskaninchen. Im Plauderton über Gott und die Welt, Amsterdam und die „Einstürzenden Neubauten“ geben sie sich weltoffen und ermuntern ihn dazu, zu sich selbst zu finden.

Künstlerisch kommt die Inszenierung aus Minsk aber nicht über recht langweiliges, verkopftes Thesentheater hinaus. Wesentlich lebendiger ging es anschließend nebenan in der Box bei „TseSho (What’s that?)“ vom CCA Dakh Theater aus Kiew weiter. Vier junge Frauen mit Zipfelmützen, Latzhosen und Quoten-Mann rockten die überfüllte kleinste Spielstätte mit einer Konzert-Show mit kleinen Performance-Einlagen und Video-Berieselung. Sie wurden vom Publikum für ihren Auftritt gefeiert, der so disparat war, wie angekündigt: „Folksongs, Kinderreime, traditionelle und zeitgenössische Poesie, eigene Texte, Weltnachrichten, Beiträge von Facebook, Erinnerungen und Träume“ wechselten sich ab. Ein roter Faden war weit und breit nicht zu erkennen, stattdessen experimentierten die ukrainischen Gäste munter vor sich hin.

Leider nur 17 Gäste kamen am Tag davor in die Box, als Ádám Császi, der auch mit seiner Theaterarbeit „Gypsy Hungarian“ bei „Radar Ost“ zu Gast war, seinen Debütfilm „Sturmland“ präsentierte. Diese beklemmende Coming-out-Geschichte über den Fußballer Szabi (András Sütö), der in seinem deutschen Verein gemobbt wird und zurück nach Ungarn geht, war einer der Höhepunkte im Panorama der Berlinale 2014 und überzeugt auch beim zweiten Ansehen fünf Jahre später. Mit kargen Worten und in grau verhangenen Bildern entfaltet sich eine dramatische Dreiecks-Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, zwischen Szabi, Áron (Ádám Varga) und Bernard (Sebastian Urzendowsky, der regelmäßig am DT zu Gast ist und auch bei dieser Filmpräsentation anwesend war).

Die beste Nachricht des „Radar Ost“-Festivals war, dass in den kommenden Spielzeiten osteuropäische Regisseur*innen auch fürs Repertoire des Deutschen Theaters und nicht nur in der Nische eines Gastspiel-Wochenendes inszenieren werden. Das spannendste Projekt ist Kirill Serebrennikows Plan, seine „Decamerone“-Inszenierung nachzuholen, die schon für 2017 angekündigt war, aber wegen seines Moskauer Hausarrests verschoben werden musste. Hoffentlich durchkreuzen Politik und Justiz nicht auch den zweiten Anlauf. Mit der Polin Ewelina Marciniak holt das DT noch eine weitere Regisseurin an Bord, die für phantasievolles, aufregendes Theater steht. Im „Radar Ost“-Programmheft wurde ihre Arbeitsweise, die mich beim Freiburger „Sommernachtstraum“ begeistert hat, sehr anschaulich beschrieben.

Außerdem werden in der kommenden Spielzeit Data Tzavadze aus Tiflis und Timofej Kuljabin aus Nowosibirsk am DT arbeiten. Beide waren dort mit Gastspielen vertreten, die mich jedoch weniger überzeugt haben und als sehr bleiern in Erinnerung blieben.

Vorschaubild zum „Mann aus Podolsk“: I. Vepshkovsky; Bild zu „TseSho (What’s that?)“: Ju Ostroushko

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