4. Gorki-Herbstsalon

Zum mittlerweile vierten Mal lädt das Gorki Theater zum Herbstsalon: drei Wochen vollgepackt mit Eigen- und Co-Produktionen, Gastspielen, Performances, einer Konferenz unter dem Motto „De-Heimatize it“ und vor allem einem Parcours aus Installationen und Videos.

Intendantin Shermin Langhoff ließ es sich nicht nehmen, persönlich und im Speed-Tempo durch die Ausstellung zu führen und schwärmte dabei vom politischen Engagement und der Kreativität der Künstlerinnen, die oft auch zufällig den Weg unserer Gruppe kreuzten.

Die Herbstsalon-Tour startete im Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums mit der Videoinstallation „Tashlikh“ von Yael Bartana: Knapp zehn Minuten wirbeln Palästinensertücher, Kalaschnikows, Bibeln, eine Menora und viele weitere Gegenstände kubrickartig durch den Orbit. Inspiriert vom jüdischen „Taschlich“-Brauch möchte die israelische Künstlerin symbolisch alles über Bord werfen, was für religiöse Bindungen und nationale Beschränkungen steht und im Nahen Osten zu einem so ideologisch aufgeladenen gordischen Konflikt-Knoten führte. Mit dieser Arbeit kehrt Bartana nach Berlin zurück, wo zuletzt ihre Theater-Performance „What if women ruled the world?“ den platten Endpunkt der ebenso kurzen wie glücklosen Intendanz von Chris Dercon an der Volksbühne markierte.

Vom Zeughaus ging es hinüber ins Palais am Festungsgraben, über dessen Portal das „Bosnian Girl“ von Šejla Kamerić prangt. Diese Intervention verschneidet die Ästhetik von Glamour-Magazinen mit einem Graffiti aus dem Bosnien-Krieg von 1995, das den niederländischen UN-Schutztruppen vorwarf, die Massaker von Srebrenica tatenlos hingenommen zu haben.

Mit diesen beiden Arbeiten ist der Ton des Herbstsalons vorgegeben: ein dezidiert feministischer Blick, mal sehr ernsthaft und anklagend, mal leichtfüßiger und ironisch, der sich mit Nationalismus und Krieg auseinandersetzt.

Bei dem kurzen Streifzug durch die Flure und Salons des Palais fielen vor allem folgende Arbeiten auf: Regina José Galindo erinnert im Stil der alttestamentarischen zehn Gebote mit einem großen Banner „Du sollst nicht vergewaltigen!“ an die sexuelle Gewalt von Kriegsverbrechern und lässt in der Soundinstallation „Wir werden nicht mehr schweigen“ einige Frauen zu Wort kommen, die in der Endphase des Zweiten Weltkriegs vergewaltigt wurden. Lea Draeger, als Ensemble-Mitglied des Gorki Theaters zuletzt als „Anna Karenina“ zu sehen, setzt sich in einer ganzen Serie von Zeichnungen mit ihrer Kindheit in einer tschechisch-katholischen Familie auseinander. Sanja Iveković, die von Shermin Langhoff als Pionierin politisch engagierter Kunst besonders gewürdigt wird, präsentiert ihre Fotografien „Trokut“, mit denen sie 1979 das jugoslawische Tito-Regime provozierte. Mehtap Baydu setzt sich in „Cuma/Wandteppich“ wunderbar ironisch mit dem Blick der Frauen in ihrem abgetrennten Winkel der Moschee auseinander, der bei den Hintern der betenden Männer entert. Candice Breitz lädt in einer Video-Installation „TLDR“ dazu ein, Sexarbeiter-Aktivistinnen aus Kapstadt kennenzulernen. In der mit mehr als 127 Stunden umfangreichsten Arbeit widmet sich Banu Cennetoglu in einem epischen, chronologischen Strom aus Video-Dokumenten der jüngeren türkischen Geschichte und ihren Tiefpunkten.

Mit diesem Thema befasste sich auch eine kurze szenische Intervention von Hito Steyerl und drei Mitstreiterinnen, die gegen den völkerrechtswidrigen Angriff der Türkei auf die Kurden-Gebiete im Norden Syriens mit kurzen Texten klar Position bezogen.

Da die Uraufführung von „Oder: Du verdienst Deinen Krieg“ kurzfristig auf Anfang November verschoben werden musste, stand die Berlin-Premiere des Wutchor-Projekts „Jedem das Seine“ von Marta Górnicka im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Eröffnungsabends. Die Koproduktion hatte bereits im Mai 2018 an den Münchner Kammerspielen Premiere und ist ein wortgewaltiger Aufschrei.

Der Rundumschlag setzt beim SCUM-Manifesto von 1967 ein und prangert die #metoo-Übergriffe und die chauvinstische Politik von Trump an, die Gaststar Anne Ratte-Polle ironisch überzeichnet. Das assoziative Sperrfeuer, über das ich bereits hier geschrieben habe, fügt sich thematisch bruchlos in die Herbstsalon-Ausstellung ein.

Bild: David Baltzer

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