Maria Stuart

Gerade noch vor dem November-Lockdown konnte die „Maria Stuart“-Premiere von Anne Lenk am Deutschen Theater Berlin über die Bühne gehen.

Wie schon mit dem „Menschenfeind“ von Molière suchte sie sich ein klassisches Stück aus dem Kanon, das sie mit etwas Comedy und Slapstick garnierte, mit einer Prise feministischer Untertöne dazugab und ansonsten über weite Strecken sehr gediegen inszenierte, so dass die Zielgruppe aus dem bildungsbürgerlichen Abo-Publikum ihren Schiller jederzeit wiedererkennt.

Ungewöhnlich an diesem Abend ist nur das Bühnenbild von Judith Oswald, das während des Lockdowns entwickelt wurde und eine intelligente, kreative Antwort auf die Corona-Abstandsregeln ist. Die Spieler*innen sind in einem großen Setzkasten: im Zentrum steht natürlich die Königin Elisabeth (Ensemble-Neumitglied Julia Windischbauer, die nach ihrem tt-Erfolg mit „The Vacuum Cleaner“ von den Münchner Kammerspielen nach Berlin wechselte). Unter ihrer Setzkasten-Wabe befindet sich der Kerker ihrer Gegenspielerin Maria Stuart (Franziska Machens, die schon im „Menschenfeind“ die weibliche Hauptrolle als Gegenpart von Ulrich Matthes spielte). An die Seiten gedrängt sind die Waben der männlichen Hofschranzen und Strippenzieher, die von Sibylle Wallum in meist recht unvorteilhafte Kostüme wie Schuluniformen oder einen altmodischen 70er Jahre-Chic gesteckt wurden, die unterstreichen, dass die Männer in den Nebenrollen arme Tröpfe sind, die von der Regisseurin und den beiden Königinnen nicht für voll genommen werden.

Das erhoffte Duell der beiden Hauptdarstellerinnen bleibt jedoch aus, erst recht kommt es nicht zu den Zickenkrieg, den auch Barbara Behrendt in ihrer DLF-Kritik erwartet hatte. Zu schwer lastet der hohe, vor Pathos triefende Tragödien-Ton auf dem etwas mehr als zweistündigen Abend, zu sehr zwingt die Waben-Struktur des Bühnenbilds die Spieler*innen in die Isolation und zur Frontal-Ansprache des Publikums. Nur in zwei Schlüssel-Szenen wird die strenge Aufteilung des Ensembles durchbrochen und stehen sich zwei Spieler*innen direkt gegenüber: als der junge, ungestüme, zappelnde Mortimer (Jeremy Mockridge) vor Maria Stuart niederkniet und als sich die beiden Rivalinnen zum einzigen Mal Auge in Auge treffen.

Aber gerade diese Szene zeigt, dass Lenks Schiller-Lesart trotz aller Werktreue nicht aufgeht: Windischbauer spielt Elisabeth als sensible, schüchterne Grüblerin, zaudernd, sich zurücknehmend und damit zu viele Leerstellen im Zentrum hinterlassend. Diese Leerstellen kann aber auch Machens nicht füllen, da sie ihre Maris Stuart immer wieder ironisch unterläuft, mal bewusst überdreht, dann wieder unterspielt und Gefahr läuft, aus der Figur auszusteigen. Ihre „Maria Stuart“ hat in ihrer Flapsigkeit nur noch wenig von der Unbedingtheit, mit der sich Susanne Wolff in der Thalia-Inszenierung beim Theatertreffen 2008 in ihren Fesseln aufbäumte und mit ihrer Gegnerin rang.

Dennoch wurde Anne Lenks „Maria Stuart“-Inszenierung zum Theatertreffen 2021 eingeladen.

Bilder: Arno Declair

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