Medea*

Als monströse, rasende Frau, als schreckliche Kindsmörderin hat sich die „Medea“-Figur seit der griechischen Antike in die abendländische Kulturgeschichte eingebrannt. Das Bild dieser mythischen Figur und ihrer archaischen Grausamkeit formte Euripides mit seiner Tragödie. Seine Lesart dominierte jahrtausendelang, vor allem ab dem 20. Jahrhundert forderte sie jedoch einige Gegenstimmen heraus, die die „Medea“ als Projektionsfläche für die Ängste einer patriarchalen Ordnung vor Frauen und dem Fremden dekonstruierten. In der Romanliteratur war Christa Wolfs „Medea. Stimmen“ (1996) ein besonders interessanter Ansatz, dem klassischen „Medea“-Bild differenziertere, facettenreichere Perspektiven entgegenzusetzen.

Für ihr „Medea*“-Projekt griff sich auch Leonie Böhm, eine der Hausregisseur*innen am Schauspielhaus Zürich, diesen Stoff. Sie zeigt ihre Hauptfigur nicht als rasende Mörderin, sondern als Opfer, als Verzweifelte, Ausgestoßene und Betrogene. In Großaufnahme kullern die Tränen über Maja Beckmanns Gesicht, das Make-up zerfließt, während die Klaviermusik von Johannes Rieder, der schon in Leonie Böhms „Yung Faust“ an den Münchner Kammerspielen dabei war, als melodramatische Untermalung perlt. Zahava Rodrigo hat aus überdimensionalen Stoffbahnen und Laken eine Zelthöhle geformt, in der sich Medea und ihr letzter verbliebener Freund verkrochen haben: die Medea ist am Boden zerstört, erinnert sich, wie glücklich sie in Jason verliebt war, und beklagt ihr Leid. Einzelne Passagen aus der Euripides-Übersetzung werden zum Selbstbespiegelungs-Monolog einer Verzweifelten gesampelt, die sich in der letzten Szene unter Stiermaske in ihrer Ausweglosigkeit in die Ermordung ihrer Kinder hineinsteigert.

Der kurze Abend hat den Charme des Unfertigen, wirkt wie eine kleine Off-Theater-Produktion. Viele Passagen sind improvisiert, meist landet der Abend dann in seichten, albernen Gewässern. Das ganze Konstrukt dieser „Medea*“-Überschreibung ist von vornherein nicht sehr tiefschürfend, sondern eher eine Fußnote zu differenzierteren Medea-Auseinandersetzungen wie von Christa Wolf. In den ernsteren Momenten ist diese Mythen-Auseinandersetzung nicht sonderlich originell, sondern bleibt im vertrauten Fahrwassser früherer Antiken-Überschreibungen. In ihren albernen Passagen ist der Abend deutlich zu leichtgewichtig, so dass die Entscheidung der Jury, „Medea*“ als eine der zehn bemerkenswerten Inszenierungen dieser Corona-Spielzeit zum Theatertreffen 2021 einzuladen, fragwürdig ist. Für Hauptdarstellerin Maja Beckmann ist es sogar die zweite Einladung in diesem Jahr, da auch „Einfach das Ende der Welt“ von Christopher Rüping ausgewählt wurde. Dort spielt sie die Schwägerin des todkranken Künstlers, der zu seiner Familie in die Provinz zurückkehrt und auf Ablehnung stößt.

Bilder: Gina Folly

One thought on “Medea*

  1. Henning Reply

    Stimme Ihrer klugen Kritik voll und ganz zu. Das ist wirklich nicht mehr als eine Werkstattaufführung. Sie hat den Charakter des Unfertigen, ist nicht mehr als ein „Ansatz“, eine allerdings unfertige Übung für Schauspieler, eine Annäherung an den Stoff, aber mehr auch nicht. Ihr geht – obwohl sich die Darstellerin der Medea ja wirklich „ins Zeug wirft“ und durchaus auch starke, berührende Momente hat – die Tiefe (des Originals und auch anderer Annäherungen bzw. Überschreibungen) ab. Sie führte nicht zu einem Mehr an Erkenntnis. Das Wort „leichtgewichtig“ in Ihrer Kritik bringt es auf den Punkt.

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