Die Wildente

Ein klinisch-weißes Versuchslabor haben Regisseur Stephan Kimmig und seine Bühnenbildnerin Katja Haß für die Familien Ekdal und Werle aus Henrik Ibsens „Die Wildente“ gebaut. Erbarmungslos wird es von Robert Grauels Licht-Design ausgeleuchtet. Das Korsett für die Spieler*innen ist eng. Ihre Texte sprechen sie meist eher zum Publikum als zu ihrem Gegenüber.

Dementsprechend steril wirken die knapp 90 Minuten, in denen das Regie-Konzept den Klassiker in den Schraubstock nimmt und auch kaum Raum für Schauspiel lässt. Wie sehr das Korsett einzwängt, erlebt man in den wenigen Szenen, in denen Paul Grill als Hjalmar Ekdal oder Anja Schneider als Gerdis (statt Greger) Werle unvermittelt auf einen Mitspieler einbrüllt. Wie ein Fremdkörper, der sich trotz aller Sicherheitsvorkehrungen in das Labor eingeschlichen hat, wirken diese Szenen, so dass der Abend nach diesen Ausbrüchen sofort wieder auf seine Betriebstemperatur heruntergefrostet werden muss.

Für ihr Labor-Konzept liefert Dramaturg John von Düffel im Programmheft eine sehr ausführliche Begründung: Kimmig und sein Team legten den Ibsen während der Lockdown-Proben auf die Psycho-Couch und präparierten heraus, dass sich der norwegische Dramatiker auf die beiden Söhne aufspaltet und sein Vater-Trauma vom gesellschaftlichen Absturz literarisch aufarbeitet. Das ist hochinteressant zu lesen, führt aber bei der realen Theater-Aufführung nicht weiter.

In dem sterilen Versuchs-Labor ist wenig Leben, die meisten Freiräume lässt der Abend noch Hedvig, der Außenseiterin, die unter der gesamten Last der Familienschuld zusammenbricht: Linn Reusse wimmert den ganzen Schmerz dieser Figur im 5. Akt in einem sehenswerten Finale heraus.

Judith Hofmann, Linn Reusse

In ihrer Crossgender-Hosenrolle ist Anja Schneider als Gerdis Werle patent-bodenständig, hat aber wenig von Ibsens Greger Werle und seinem Wahrheitsfanatismus, der die treibende Kraft der Ibsen-Tragödie ist. Ihr Gegenspieler Hjalmar Ekdal ist bei Paul Grill ein zerstreuter, über dem grauen Alltag schwebender Professor mit zu langer Strickjacke und Zottel-Bart und -Frisur, der ganz in seinen aus der Zeit gefallenen engstirnigen Ehrbegriffen des 19. Jahrhunderts verhaftet ist und am Ende mit „Kiekeriki“ auf nackter Brust zur Karikatur wird.

Paul Grill, Anja Schneider

Mit Ibsen feierten Stephan Kimmig und Ulrich Khuon ihre ersten Erfolge: „Nora“ entstand am Hamburger Thalia Theater und wurde zum Theatertreffen 2003 eingeladen, die damalige Hauptdarstellerin Susanne Wolff, die vor allem als „Maria Stuart“ beim Theatertreffen 2008 glänzte, war außer in einer seichten Klassiker-Parodie der Volksbühne leider lange nicht mehr auf Berlins Bühnen, auch an diesem Abend nur im Publikum zu sehen. Während seiner DT-Intendanz hielt Khuon an seinem langjährigen Haus-Regisseur fest, obwohl Kimmigs Erfolge ausblieben und die Kritik lauter wurde. Oft flüchtete Kimmig in banale Comedy wie bei Elfriede Jelineks „Am Königsweg“. Die „Wildente“ wirkt deshalb wie eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der Ibsen-Tragödien als eine der letzten Etappen auf einem gemeinsamen, langen Weg.

Bilder: Arno Declair

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.