Yerma

„Wir sind so furchtbare Klischees“, seufzt Caroline Peters in ihrem schicken, verglasten Bungalow, der zwischen den beiden Publikumsblöcken im Saal A der Schaubühne platziert wurde. Sie spielt Yerma, eine hoch neurotische moderne, wohlhabende Großstädterin, die beruflich als Lifestyle-Journalistin sehr erfolgreich ist.

Mit ihrem Mann John (Christoph Gawenda) räkelt sie sich am Boden ihrer Designer-Wohnung und schlürft Sekt und Champagner. Mit einigen Frotzeleien sprechen sie über ihr Sexleben und gleich zu Beginn sagt die Enddreißigerin, dass sie dringend ein Kind möchte. Dieser Kinderwunsch steigert sich zur Obsession und wird zum zentralen Thema dieser 100 Minuten.

Caroline Peters und Christoph Gawenda in ihrer Designer-Wohnung

Der Australier Simon Stone wird oft als Regisseur der Generation Netflix bezeichnet, nicht erst seitdem im Lockdown-Winter sein Historien-Drama „Die Ausgrabung“ bei dem Streaming-Dienst herauskam. Sein Markenzeichen ist es, klassische Stücke wie Tschechows „Drei Schwestern“ zu entkernen und zu überschreiben. Im flotten Ping-Pong voller Alltagssprache und (pseudo)-hipper Wendungen bieten die Figuren seiner Stück-Neufassungen Unterhaltungstheater. Die Zeichnung der Figuren und ihrer Konflikte sind dabei aber nie so komplex wie in den besten Netflix-Serien-Hits, sondern eher auf dem Niveau von Soaps im analogen Privat- bis Trash-TV.

Daran kann auch eine Star-Schauspielerin wie Carolin Peters nichts ändern. Sie arbeitete schon am Wiener Burgtheater mehrfach mit Stone zusammen, in seiner „Medea“-Überschreibung und bei „Hotel Strindberg“. Anders als bei der zum Theatertreffen 2019 eingeladenen Arbeit hat sie aber diesmal keinen großen komödiantischen Moment, der alles überstrahlt und den zähen 4,5-Stünder damals rettete. Als „Yerma“ spielt Peters auf der tragikomischen Klaviatur einer überspannten Exzentrikerin, die sich in ihre Kinderwunsch-Obsession immer tiefer hineinsteigert und schließlich komplett den Boden unter den Füßen verliert.

Mit der „Yerma“, die Federico Garcia Lorca in seiner nur noch selten gespielten Tragödie aus dem Jahr 1934 erdichtete, hat die Yerma von Peters/Stone nur noch den Kinderwunsch und den Namen gemeinsam. Während es damals um die Emanzipation einer jungen Bäuerin aus einer feudal und patriarchal geprägten Gesellschaft ging, ist die neue Yerma eine bestens situierte, verwöhnte Frau, die für ihren beruflichen Erfolg skrupellos auch Privates ausschlachtet und nicht zögert, ihre Schwester Maria (Jenny König) in ihrem Blog bloßzustellen.

Es ist sicher ein Gewinn für die Berliner Theaterlandschaft, dass Peters aus Wien zurückkehrt und ihren Einstand im mit TV-Promis gespickten Schaubühnen-Ensemble feiert. Aber dafür hätte ich ihr einen wesentlich besseren Text als das neue, gewohnt flache Elaborat von Simon Stone gewünscht. Es war auch nicht mal eine neue Arbeit, sondern nur der recyclte, von seiner Schwester Brangwen übersetzte „Yerma“-Text, den er schon 2016 am Young Vic Theatre London herausbrachte: ein Publikumserfolg, der im Guardian nur sehr mäßig besprochen wurde.

Ilse Ritter und Caroline Peters als Mutter und Tochter in Yerma

Der Abend konzentriert sich ganz auf Peters und den Zusammenbruch ihrer Figur. Der Rest wird zu Side-Kicks degardiert, darunter auch die große Ilse Ritter, die ihre ersten Erfolge bei Peter Stein in den 1970ern an der Schaubühne feierte, ein verehrter Star am Burgtheater wurde und am Kudamm zuletzt 2014 in „Never forever“ beeindruckte. Sie hat wenige kurze Auftritte als Yermas Mutter, eine Alt-68er-Feministin, die nie Kinder wollte, da sie sie bei ihrer Selbstentfaltung störten.

Bilder: Thomas Aurin

One thought on “Yerma

  1. Federica Reply

    Lieber Konrad Kögler,

    mit Ihrer Kritik des Abends stimme ich überein – allerdings ist Brangwen Stone die Schwester, nicht die Ehefrau von Simon Stone.
    Nichts für ungut und lieben Gruß

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