Richard the Kid and the King

Sie braucht jetzt kurz eine Pause, murmelt Lina Beckmann ins Publikum. Diese Pause hat sie sich auch redlich verdient. Was für eine Energieleistung! Was für eine Bühnenpräsenz! Fast vier Stunden lang rockt Lina Beckmann die Bühne des Hamburger Schauspielhauses als Richard: gemobbt und gedemütigt als „bucklige Missgeburt“ schwingt sie sich auf zum Gewaltherrscher, der über Leichen geht.

Lina Beckmann ist die Königin des Abends und wird vom Publikum gefeiert, wie es auch häufige Theatergänger nur selten erleben. Als Richard ist sie ein diabolischer Springteufel, keiner auf der Bühne kann sich sicher sein, welchen Schachzug sie als nächstes vollzieht. Nur eins ist sicher: er wird wieder tödlich enden. Zwischen weinerlichem Understandment, Parodie auf Politiker-Sprech und ein paar naheliegenden Trumpzitaten bespielt Beckmann eine breite Klaviatur.

Lina Beckmann, Paul Herwig

Im Sommer wurde ihre Schwester Maja, Ensemble-Spielerin in Zürich, für zwei zum digitalen Theatertreffen eingeladenen Rollen als Medea und Schwägerin zur Schauspielerin des Jahres gekürt. Ob der Titel im kommenden Jahr in der Familie bleibt, wird sich zeigen, aber Lina Beckmanns „Richard the Kid and the King“ ist auf jeden Fall ein Höhepunkt der Spielzeit, wurde schon bei der Premiere im Juli bei den Salzburger Festspielen gefeiert und wurde an diesem Wochenende mit einem österreichischen Nestroy für die beste Schauspielerin ausgezeichnet.

Beckmanns Richard würde aber in der Luft hängen und der Abend zur leerlaufenden Solo-Show werden, wenn Regisseurin Karin Henkel ihr nicht drei starke Gegenparts zur Seite gestellt hätte: Kate Strong fährt ihr mit ihrem charakteristischen Denglish-Sprachmix mehrmals giftig in die Parade, Bettina Stucky brüllt ihr ihre gesamte Verachtung entgegen und Kristof van Boven glänzt in mehreren Crossgender-Frauen-Rollen, die sich gegen diesen Richard behaupten müssen.

Zu diesem eindrucksvollen Theaterabend trägt aber auch das Gefühl für Rhythmus bei: die Charakterstudie des Potentaten könnte über diese lange Strecke bald redundant werden, aber der Abend wechselt geschickt zwischen prallen Szenen, in denen sich das Ensemble austobt, und stilleren Momenten. Die Musik von Arvild J. Baud ist ein wichtiger Baustein dieser Rhythmuswechsel.

Der Abend war neben „Maria Stuart“ eines der Glanzlichter im Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele und wurde auch in Hamburg gefeiert. Die Zweifel wachsen aber, ob es in dieser Spielzeit noch weitere so triumphale Theaterabende geben kann. Große Teile des Publikums tun jedenfalls wirklich alles, um uns dem nächsten Lockdown einen Schritt näherzubringen. Es wird rausgerotzt, was die Lungen hergeben. Masken trägt knapp ein Drittel der Besucher. Wenn große Teile des Publikums Grundregeln eines vernünftigen Verhaltens in der Pandemie ignorieren und das Theater nicht mit strengerem Hygienekonzept auf den exponenientellen Anstieg reagiert, ist ein Lockdown eine Frage der Zeit.

Bilder: Monika Rittershaus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.