Wie vom FIND-Festival der Schaubühne dominierten am Eröffnungswochenende wieder Gastspiele von Newcomern, die aktuelle gesellschaftliche Probleme im Stil des sozialkritischen Realismus bearbeiten.
„11 År“, eines von zwei norwegischen Gastspielen, kreist um Mobbing an Schulen, das in diesem Fall Aina sogar in den Suizid trieb. Das Phänomen ist sicher weitverbreitet und verdient viel Beachtung, dem Regisseurinnen-Duo Toril Goksøyr/Camilla Martens gelingt es jedoch nicht, in den 75 Minuten einen überzeugenden Theaterabend daraus zu gestalten.
Eine ganze Horde norwegischer Teenager, in diesem Zwischen-Stadium als nicht mehr ganz Kind, aber noch nicht in der Pubertät, tummelt sich in Kleingruppen auf der Globe-Bühne, die den Schulhof darstellt. Sie sind jedoch als Wimmelbild nur Beiwerk für die Auseinandersetzung der Eltern des Mädchens, eines jungen Klassenlehrers und der Schuldirektorin.
Deren Gespräche und Vorwürfe hören wir über Kopfhörer, teilweise auch aus dem verschlossenen Nebenraum. Formal ist „11 År“ ein Live-Hörspiel. Aber ebenso wenig wie die Produktion die inhaltliche Dimension des Mobbing-Falls auslotet kann sie auch die Kopfhörer nutzen. Nach den Ankündigungen hätte ich erwartet, dass wir per Kopfhörer vor allem das bösartige Wispern und Tuscheln der Mitschülerinnen hören und diese Mobbing-Atmosphäre hautnah zu spüren ist. Doch hier leider Fehlanzeige. Der Plot wird hölzern abgespult, bis das Mädchen zu kitschig-sakralem „Lacrimosa“ eine letzte Turnübung vor dem Tod zeigt.
Um Trauer und Schmerz geht es auch im „Macacos“-Solo von Clayton Nascimento, einem von zwei brasilianischen Gastspielen. Er tigert hyperaktiv über die Bühne und verarbeitet äußerst assoziativ die Geschichte von Schwarzen in Brasilien. Die Nachwirkungen der Kolonialherrschaft, der Alltags-Rassismus und Übergriffe der Polizei werden in dem langen Monolog gestreift.
Bereits als Schauspielstudent begann Nascimento mit einer Urfassung 2015/16, über die Off-Szene arbeitete er sich ins Rampenlicht und wurde in Brasilien mehrfach ausgezeichnet. Als Empowerment- und Aufklärungsstück hat „Macacos“ sicher auch seinen Wert.

Bild: © Noélia Nájera
Doch als Gastspiel im kleinen Studio der Schaubühne kommt es nicht über ein sehr bemühtes Mitmach-Theater hinaus. Nascimento versucht während seiner Auslandsreisen, die ihn z.B. 2024 bereits zum Holland Festival führten, eine Interaktion mit dem Publikum. Sehr schleppend kommt ein oberflächlicher Dialog über die dunklen Kapitel der Geschichte in Gang.
Aus den angekündigten 90 Minuten wurden zwei Stunden, in Brasilien dauere der Abend immer drei Stunden, verkündet Nascimento, bevor er als Special Guest noch Terezinha Maria de Jesus auf die Bühne holt. Ihr neunjähriger Sohn wurde vor einem Jahrzehnt beim Spielen vor dem Haus erschossen, ihren Fall hat Nascimento eingebaut, nachdem sie nach einer Vorstellung auf ihn zugekommen ist.
Beide Gastspiele sind auch heute und morgen am 18./19. April 2026 beim FIND-Festival der Schaubühne noch mal zu sehen.
Vorschaubild zu 11 År: © Grethe Nygaard