Schon in den ersten Minuten mutet Katie Mitchell dem Publikum im Saal A der Schaubühne einiges zu: der beißende Nikotin-Gestank zieht in die Zuschauerreihen, während vorne das Schauspiel-Trio Eva Meckbach, Renato Schuch und Alina Vimbai Strähler mit Zigaretten und anderen Requisiten hantiert.
Auf dem Screen über ihren Köpfen werden vorproduzierte Aufnahmen der hässlichsten und blau-grausten Seiten von Berlin eingespielt. Die berühmten Zeilen „Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein. So dreckig und grau. Du kannst so schön schrecklich sein. Deine Nächte fressen mich auf“ würden sich perfekt in diese Inszenierung einfügen.
Doch Mitchell hat sich einen Gedankenstrom-Essay aus 240 Miniaturen vorgenommen, den die US-Amerikanerin Maggie Nelson bereits 2009 veröffentlichte und der ein Jahrzehnt später von der deutschen Literaturkritik sehr positiv besprochen wurde, als die deutsche Übersetzung erschien. Von der Sorge um eine querschnittsgelähmte Freundin und um einen verlorenen Liebhaber geht es in diesen autofiktionalen, durchaus poetischen Skizzen.
Sehr plakativ haben Katie Mitchell und ihr Team um Alex Eales (Bühne) und Grant Gee (Video-Design) die melancholische, verzweifelte Sinnsuche der namenlosen Erzählerin bebildert. Das Ungewöhnliche an der Inszenierung ist seine Form als live vor den Augen des Publikums produzierter Hybrid aus Video und Hörspiel. Das Schauspiel-Trio ist ständig in Aktion. Von der Einfühlung in die Figur könnten sie aber nicht weiter entfernt sein, sie sind einer strengstens durchgetakteten Choreographie kleiner Handgriffe unterworfen. Kaum einmal darf eine oder einer den Satz zuende sprechen, in der Regel gehört der nächste Halbsatz schon den Nachbarn. Zu „Multifunktionsroboter“ wirkten die Schauspieler*innen auf Uli Seidler (Berliner Zeitung).

Technisch ist das gekonnt umgesetzt. Ungewöhnlich ist diese Idee allerdings nicht mehr, seit zwei Jahrzehnten sind diese Live-Videos ein Markenzeichen der britischen Regisseurin Katie Mitchell, die sie in fast jeder Inszenierung anwendet. Bereits zum 9. Mal inszeniert sie an der Schaubühne, deren FIND-Festival die „Bluets“ am Mittwoch eröffneten. Mitchell ist in diesem Jahr „Artist in Residence“, neben ihrer einizigen derzeit noch im Berliner Repertoire befindlichen „Orlando“-Inszenierung wird sie auch das Londoner Gastspiel „Cow/Deer“ präsentieren.
Die handwerkliche Souveränität entlockt dem Berliner Publikum bei der x.-ten Wiederholung nicht mehr allzu viel Begeisterung. Im Zusammenspiel mit dem elliptischen Text und den plakativen Bildern wirkt der Abend wie eine manierierte Fingerübung. So urteilten die Rezensionen auch schon über die „Bluets“-Uraufführung, die Mitchell vor sieben Jahren für das Schauspielhaus Hamburg einrichtete. Die damals noch ca. 15 Minuten längere und ganz auf Julia Wieninger zugeschnittene „Bluets“-Inszenierung schaffte es auch auf die Shortlist des Theatertreffens 2020. Im Frühjahr 2024 nahm sich Mitchell den Stoff erneut vor, diesmal in einer Fassung der irischen Autorin Margaret Perry und mit Filmstar Ben Wishaw. Diese Royal Court Theatre London-Produktion war auch die Vorlage für den mittlerweile dritten „Bluets“-Aufguss von Katie Mitchell, der am 15. April 2026 an der Schaubühne am Lehniner Platz Premiere hatte.
Bilder: Gianmarco Bresadola