„Kriegstüchtig“ müsse die Gesellschaft werden, hämmert uns Verteidigungsminister Boris Pistorius immer wieder ein. Wie so ein „Abhärtungs- und Verpanzerungsprogramm“ (Hubert Spiegel) in der FAZ im Extremfall aussehen kann, exerziert Jette Steckel in ihrer Bochumer Adaption von „Das große Heft“ durch.
Auf einer abschüssigen Fläche voller Torf und mitten in einem dichten Wald aus Leuchtstäben tauscht das fünfköpfige Ensemble (Pierre Bokma, Guy Clemens, Linde Dercon, Risto Kübar, Ole Lagerpusch) die Rollen. Archaisch und düster ist die Grundstimmung, vieles erinnert optisch und atmosphärisch an Steckels „Prinz von Homburg“, die an der Berliner Schaubühne nur eine Fußnote blieb. Besser gelingt die Bochumer Bearbeitung dieses Romans, dessen lakonisch-hämmernde Sprache die Theatermacher immer wieder herausfordert.

2018 machte Ulrich Rasche daraus in Dresden ein Sprechopern-Drehbühnen-Exerzitium, Moritz Kienemann und Johannes Nussbaum entwickelten mit ihren langgezogenen Klagerufen einen besonderen Sog. Stärker verdichtet und auf weniger als zwei Stunden verknappt geht Steckel an den Roman heran: statt loopartiger Klage, die sich einbrennt, werden die wesentlichen Stationen der Zwillinge erzählt, die jedes Mitgefühl abtöten.
Am 1. November 2025 hatte „Das große Heft“ im Schauspielhaus Bochum Premiere. Der drängende Gegenwartsbezug dieses Abends liegt auf der Hand, die düstere Ästhetik ist bemerkenswert konsequenzt durchgehalten, die Rezensionen von Nachtkritik bis FAZ waren begeistert, dennoch stand der Abend nicht mal auf der Shortlist des Theatertreffens. Der für NRW zuständige Juror Sascha Westphal badete lieber in der Retro-Opulenz der Zürcher „Il Gattopardo“-Inszenierung und Jette Steckel machte sich selbst Konkurrenz. Ihr „Mephisto“ an den Münchner Kammerspielen überzeugte die Jury mehr: ein weiterer wichtiger Kommentar zur Gegenwart, mit größerem Ensemble, aber auch einigen Längen und mit konventionellerer Ästhetik.
Bilder: Armin Smailovic