Christopher Nolan meldet sich mit einem gewaltigen Wumms zurück. Nach seinem enttäuschend-betulichen „Oppenheimer“-Biopic bietet er nun opulentes Spektakel, das auf die Überwältigung seines Publikums zielt.
Er geht zurück an die Wiege der europäischen Kultur und zum ersten Dichter der griechischen Antike, von dem zwei Epen überliefert sind. Homer besang in der „Ilias“ die Helden des Trojanischen Krieges und in der „Odyssee“ den listenreichen Anführer, der viele Abenteuer bestehen muss, bis er endlich nach Hause zurückkehren kann. Die Gefahren, die er meistern muss, kennt jeder, der sich auch nur kursorisch mit den antiken Mythen befasst hat, aber auch wenn der Stoff schon oft verfilmt wurde, bietet er immer noch bestes Futter für grandioses Fantasy-Kino.
An atemberaubenden Schauplätzen von Island, das hier zum Totenreich Hades wird, bis zur Westsahara erleben wir das Aufeinandertreffen mit dem einäugigen Riesen Polyphem, die Konfrontation mit Kirke, die seine Gefährten in grunzende Schweine verwandelt, und die sprichwörtliche Passage zwischen Skylla und Charybdis. Diese Szenen sind ein großes Kinofest: so bombastisch, dass man sie unbedingt auf der Leinwand sehen sollte und nicht irgendwann mal auf dem Laptop oder iPad auf der Couch, am besten natürlich im IMAX 70 mm-Format, für das aber nur wenige Kinos weltweit ausgerüstet sind.
Nolan ging einen Schritt auf sein Publikum zu, verzichtet diesmal auf seine schon zur Manier gewordenen Vorliebe für verschachtelte Plot-Konstruktionen. Ganz chronologisch-linear erzählt er auch diesmal nicht, aber die narratologischen Volten sind diesmal nie Selbstzweck, wie Lukas Foerster (critic.de) festhielt. Das Publikum dankt es ihm mit enormem Zuspruch und vollen Kinosälen. Das Universal Studio gab Nolan viele Freiheiten und nach dem ersten Wochenende spricht sehr viel dafür, dass dieses Antiken-Spektakel bei den Kinogängern sehr gut ankommt. Ein positives Zeichen für die Zukunft des Kinos, hofft David Steinitz (SZ), endlich mal kein Sequel und keine Comic-Adaption, die unsere Multiplex-Säle ansonsten dominieren und verstopfen.

„Die Odyssee“ wurde lange erwartet und ist mit seiner Bildgewalt tatsächlich ein Highlight dieses Kino-Jahres. Auszusetzen gibt es daran wenig: sicher, der Plot ist altbekannt, Nolan reiht das Best-of der Szenen aneinander und liefert keinen neuen spannenden Zugriff auf den Klassiker. Diese berechtigten Einwände arbeitete Axel Timo Purr (Artechock) sehr gut heraus. Daran kann man sich stören und auch ich fand die erste der drei Stunden etwas zäh und zu vorhersehbar. Dann überwog aber doch die Freude an der handwerklichen Meisterschaft von Nolan, der aus der Odyssee eine hervorragende Fantasy-Nummernrevue des an sich zweifelnden Helden auf die Leinwand zaubert. In der Titelrolle führt Matt Damon dieses Star-Ensemble an, zu dem mit Tom Holland, Anne Hathaway, Charlize Theron, Robert Pattinson, Zendaya und Elliot Page viele klangvolle Namen zählen.
Nolan bleibt erstaunlich nah an der Vorlage, verschiebt oft nur kleine Details, wie der Wiener Altphilologe Georg Danek im Standard-Interview herausarbeitete. Nur beim Finale und ausgerechnet in der Polyphem-Szene weicht der Blockbuster deutlicher von der Vorlage ab. Die berühmte „Niemand“-List des Odysseus hat Nolan verschenkt und einfach unter den Tisch fallen lassen, wie auch Kamil Moll (Perlentaucher) bedauerte.
Dennoch bietet diese „Odyssee“, die am 6. Juli 2026 in London Premiere hatte und am 16. Juli 2026 in den Kinos startete ein besonderes cineastisches Erlebnis.
Bilder: Universal Studios