Für Pedro Almodóvar gelten besondere Regeln: „Amarga Navidad“ startete schon am 20. März 2026 in den spanischen Kinos, dennoch wurde sein neuer Film in den Wettbewerb von Cannes eingeladen, der üblicherweise Welt-Premieren vorbehalten ist.
Wie schon in den vergangenen Filmen seines Spätwerks ist auch „Bitteres Fest“ sehr selbstreflexiv. Der überschäumende Camp und jugendliche Übermut, der in „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1988) für Furore sorgte, ist einer sehr verschachtelt, getragen-melodramatischen Erzählweise gewichen. Nicolai Bühnemann beschrieb im Perlentaucher seinen Eindruck, dass sich Almodóvar mehr und mehr auf das Künstler-Milieu beschränke und sich in dieser Blase einigle, während es in seiner Früh- und Hochphase eine Stärke seiner Filme war, das Publikum in weniger vertraute Gesellschaftsschichten mitzunehmen. Damit ist eine der Schwachstellen des Films markiert.
Die Grundkonstruktion ist interessant: Almodóvar spiegelt sich in einem doppelten Alter ego. Der Drehbuchautor Raúl (Leonardo Sbaraglia) sitzt im Jahr 2026 an einem Script über die Werbefilm-Regisseurin Elsa (Bárbara Lennie), die 2004 auf Lanzarote an einem Drehbuch arbeitet. Nach zwei Flops möchte sie einen neuen Anlauf für einen anspruchsvollen Film wagen. Die Ebenen verbindet eine Frage: In welchem Umfang darf ein Künstler die privaten Schicksalsschläge seines engsten Umfelds ausbeuten und sie leicht verfremdet in das Drehbuch einbauen? Wo wird Inspiration zum Vampirismus? Die langjährige Assistentin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón) liest ihrem ehemaligen Chef Raúl die Leviten, als er wiederholt ihre Grenzen überschreitet. Als „öffentliche Beichte“ sah Andreas Kilb (FAZ) diesen Film von Almodóvar.

Das Spiegel-Labyrinth des Films im Film wird im Mittelteil zäher und zäher. Ein tränenreiches Melodram kommt kaum noch von der Stelle. Im ersten Teil blitzt wenigstens noch der Witz von Almodóvars Frühwerk auf: der strippende Feuerwehrmann Bonifacio (Patrick Criado) ist eine typische Figur aus dem Almodóvar-Kosmos und zeigt eine Kostprobe seines Könnens. Auch die beiden Statisten, deren Krankenkassen-Karte beim Check-in im Hospital voller Koks ist, wie die Sekretärin moniert, und natürlich Rossy de Palma, die mit ihrer markanten Physiognomie in kaum einem Film des spanischen Altmeisters fehlt, als überdreht-übergriffige Party-Löwin Gabriela sorgen mit Kurz-Auftritten für die komödiantischen Brechungen, die im weiteren Verlauf des Films fehlen.
Dementsprechend wurde „Bitteres Fest“ sehr verhalten aufgenommen und ging in Cannes bei der Verleihung der Palmen leer aus. Es wirkt wie ein selbstreferentieller Nachklapp zum bedeutenden Gesamtwerk des mittlerweile 76jährigen Spaniers inklusive einer Hommage an die von ihm hochverehrte mexikanische Sängerin Chavela an zwei Schlüsselstellen.
Am 30. Juni 2026 hatte „Bitteres Fest“ seine Deutschland-Premiere in der Gala-Sektion „Spotlight“ des Filmfests München, einen Monat später startete er bundesweit in den Kinos.
Bilder: © El Deseo. Photo by Iglesias Más