Durch den Hof des Deutschen Theaters geht es hinüber zur Probebühne. Ein kurzer Weg, aber in diesem Fall eine Zeitreise in die 80er und 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
Ein Millionenpublikum versammelte sich damals einmal im Monat vor den Röhrenbildschirmen im Wohnzimmer, um mehr als drei Stunden einem aus heutiger Sicht merkwürdigen Spektakel beizuwohnen. Der berufsjugendliche Moderator Thomas Gottschalk grabschte mit zotigen Sprüchen nach jedem weiblichen Wesen, präsentierte die Wettangebote von Nerds und Inselbegabungen, die ihrem Hobby mit größtem Ernst nachgingen, dazwischen plauderte er mit Größen aus Hollywood und der Pop-Branche.
Am Sonntag sprach man bei der Familienfeier darüber, im Montag im Büro oder mit den Klassenkameraden. Fast jeder hatte es gesehen und fast jeder hatte eine Meinung dazu. Natürlich ist die Show ziemlich cringe, erst recht durch die Brille der Teenager, die DT jung* für dieses Projekt gecastet hat. Aber ihr gelang etwas, worum wir uns heute vergeblich bemühen. Während sich die Milieus in den gegenwärtigen Polykrisen in den verbalen Schützengräben eingebunkert haben und ein Dialog über Reizthemen wie Corona und den Angriffskrieg auf die Ukraine kaum noch möglich ist, diente „Wetten, dass?“ damals als kleinster gemeinsamer Nenner, als unverfänglicher Gesprächseinstieg, um überhaupt eine kommunikative Basis zu finden.
Lesenswert ist der Text der Produktions-Dramaturgin Jasmin Maghames und unterhaltsam ist die Umsetzung. Sieben Berliner Jugendliche, einige davon queer und/oder mit Migrationshintergrund und somit aus Gruppen, die im TV der 80er Jahre noch weniger repräsentiert waren als heute, haben natürlich keine der Live-Shows gesehen, sich aber elf Wochen lang auf Youtube in Archiv-Recherchen begeben.
Das paneuropäische Boys*In Sync-Kollektiv, das bei den ATT 2025 mit einer recht banalen Inszenierung gastierte, führte Regie bei dieser Stückentwicklung und brachte durch norwegische oder dänische Brillen eine zusätzliche Perspektive in diese archäologische Expedition bundesrepublikanischer Kulturgeschichte ein.

Im Sommer lief die aufschlussreiche Doku „Was haben wir gelacht“ in unseren Kinos, die den Sexismus der Show analytisch sezierte. Die DT-Produktion geht den Weg einer ironischen Hommage, die mal mit offenem Mund staunt, mal genervt die Augen verdreht und das Original auf die Schippe nimmt. Dabei ist aber stets auch die Wehmut zu spüren, dass in unserer tief gespaltenen Gesellschaft ein solches Lagerfeuer fehlt, wie es unter den Bedingungen des linearen Fernsehens noch viel einfacher möglich war.
Nach jeder kleinen Parodie einer Bagger- oder Saalwette oder eines Interviews mit Cher oder Jane Fonda hält eine*r der Jugendlichen einen kleinen, autobiographischen Monolog über die Suche nach diesem Wir-Gefühl und dem gesellschaftlichen Kitt.
„Wetten, dass. Die Suche nach dem Wir“ hatte am 31. Oktober 2026 in der Box des Deutschen Theaters Berlin Premiere.
Bilder: Thomas Aurin