Die Popstars der Tanzszene sind zurück in Berlin: das Trio (LA)HORDE, die seit 2019 das Ballet national de Marseille, schlägt mit ihrer neuen Produktion „Après moi, le déluge“ am mittleren Wochenende von Tanz im August auf. Im Gewusel vor dem Haus der Festspiele sieht man diesmal noch mehr „Suche Karten“-Schilder als bei Theatertreffen-Highlights.
Natürlich liefern sie auch diesmal ab, was man von ihnen erwartet und wofür sie bekannt: hochenergetische Passagen, vom Urban und Street Dance inspirierten Hochleistungs-Tanz zu hämmernden Beats, die mitreißen und faszinieren.
Der Vorwurf an (La) Horde war oft, dass sie sich im Ruhm ihrer Kollaborationen mit Madonna und Co. sonnen und sich ihre Choreographien zu sehr einer Revue aus TikTok-Schnipseln ähnle, das allerdings mit technischer Perfektion.
Vielleicht war es die Reaktion auf diese Kritik, die zu dieser nicht nur für (LA) Horde ungewohnten, sondern sehr rätselhaften internationalen Koproduktion führte. Der 75 Minuten lange Abend beginnt mit einem häufiger in der Performance-Szene benutzten Gimmick: die Tänzerinnen und Tänzer geben sich erschöpft, haben den Schluss-Applaus hinter sich.
Bald entsteht ein Loch im Bühnenboden, das Ensemble krabbelt wild grimassierend herein und hinaus, mit der Live-Kamera wirkt es so, als ob sie in einer Höhle ums Überleben kämpfen würden. Nach abruptem Szenenwechsel sehen wir einige Mitglieder der selbst für Tanzcompagnien auffällig jugendlichen Truppe aus Marseille hinter Greisen-Masken. Sie baden in einem Jungbrunnen, fallen über andere her und werden von zwei rätselhaften Frauengestalten mit langen Haarmähnen begleitet.
Vom hochenergetischen Tanz sind diese Szenen weit entfernt, es sind eher lose aneinandergereihte, von antiken Mythen und Mystery beeinflusste Miniaturen, wie man sie sonst in Performance-Häusern erlebt. Der französische Fantasy-Autor Alain Damasio firmiert als externer Berater. Was sie in diesen Passagen erzählen wollen, bleibt rätselhaft. Zu beliebig wirken Stilmittel und Versatzstücke aneinandergereiht.
Als schon zu befürchten ist, dass sie sich auf fremdem Terrain verzetteln, holen sie das Publikum noch mal mit Power-Tanz ab. Die Schwarzblende führt zu langem Applaus, doch das vermeintliche Ende weicht einem letzten Blick in die Fabel-Welt: in Tierkostümen kriecht das Ensemble über die Bühne. Die im Titel beschworene Sintflut ist offensichtlich eingetreten, die menschliche Zivilisation aufgetreten.
Mit zwiespältigen Eindrücken entlässt (La) Horde das dennoch in großen Teilen begeisterte Publikum in den regnerischen Sommerabend.
Die neue Produktion hatte am 30. Juni 2026 beim Montpellier Danse Festival Premiere, lief am 12. August 2026 erstmals in Deutschland beim koproduzierenden Sommerfestival auf Kampnagel und macht von 20.-22. August 2026 bei Tanz im August in Berlin Station.
Bild: Gaël.le Astier-Perret