Schnee von gestern, Schnee von morgen

Hineingeworfen in einen Gedankenstrom wird das Publikum hier von der ersten Sekunde an. Der Versuch, uns erst „abzuholen“, wie es im Dramaturgen- und Meeting-Deutsch oft heißt, wird hier gar nicht erst gemacht.

Von Beginn an sind wir in einem Strom aus Assoziationen, kleinen Beobachtungen und sehr vielen bildungsbürgerlichen Anspielungen. Eine Handlung wie im klassischen Drama wird man bei der Uraufführung dieses schmalen Alterswerks von Peter Handke vergeblich suchen. Der Abend führt uns in den Kopf eines Spaziergängers, eines „Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens“, wie uns der Untertitel verrät.

Um einen „Alleingänger“ handelt es sich hier in bester Handkescher Tradition, um ein kauziges Individuum, das am liebsten ganz allein seinen Gedanken nachhängt, mit dem Rücken zum Trubel der Welt, offen für Natur und Mythen. Fast schon zur Manier gerät, wie oft Handke hier auf Homer und insbesondere seine „Odyssee“ anspielt. Wie ernst Handke seinen berühmten Rant „Ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, ich komme von Tolstoi“ meinte, den er den kritischen Journalisten nach der Verleihung des Literaturnobelpreises 2019 entgegen schleuderte, ist hier deutlich spürbar.

Und doch taucht hier ein Schauspiel-Duo in den Gedankenstrom ein. Marina Galic und Jens Harzer, die Oliver Reese im vergangenen Jahr vom Thalia Theater ans Berliner Ensemble holte, teilen sich den Text in häufigem Wechsel. Sie verkörpern das Erzähler-Ich und seine innere Stimme, seine Selbstzweifel, seine spöttischen Einwürfe gegen sich selbst.

Auf dem Trümmerfeld, das Anja Rabes für die Bühne entworfen hat, wirken sie wie zwei traurige Clowns. Die Assoziation an Samuel Beckett und „Warten auf Godot“ drängt sich so sehr auf, dass sie in fast jeder Kritik steht. Mit roten Clowns-Mützen und etwas Slapstick setzte Regisseur Jossi Wieler ein paar Akzente, nahm sich aber wie gewohnt komplett zurück und stellt den Text und das ihn sprechende Duo in den Mittelpunkt.

Leiser wird das Ende. Thomas Oberender, der ehemalige Intendant der Berliner Festspiele, arbeitete in einer auf dem Abendzettel abgedruckten Rezension des Handke-Bändchens für die Berliner Zeitung schön heraus, wie sich dieser „dramatische Monolog mit viel innerer Gegenrede“ als Text über das Sterben und Abschiednehmen herauskristallisiert, den er mit Alterswerken von David Bowie und Johnny Cash verglich.

„Schnee von gestern, Schnee von morgen“ ist einer dieser Abende, an denen sich die Geister scheiden: Simon Strauß, als Harzer-Afficionado bekannt, jubelte in der FAZ ebenso wie einige andere Rezensenten über den starken Sog, den dieser traumverlorene, poetische Abend entfalte. Vieles daran wirkt jedoch so manieriert und verschroben-versponnen, dass der gleichförmig plätschernde Abend sein Publikum zu sehr im „Halbschlaftheater“ (Christiane Lutz, SZ) einlullt, aus dem Kabinettstückchen des Edel-Schauspiel-Paares Harzer/Galic herausragen.

Die Uraufführung von „Schnee von gestern, Schnee von heute“, die am 27. Juli 2026 im Landestheater Salzburg im Rahmen der Salzburger Festspiele Premiere hatte und mit der Berlin-Premiere vom 29. August 2026 ins Repertoire des Berliner Ensembles übernommen wurde, war jedenfalls öder als der Auftritt des 83jährigen Nobelpreisträgers Handke beim Schluss-Applaus. Wie schon in Salzburg kam er auch diesmal auf die Bühne, kniff und tätschelte das Duo und schwenkte mit grimmigem Lächeln seinen Gehstock drohend Richtung Publikum.

Bilder: Jörg Brüggemann

 

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