Robert Misik zieht bei einem Vortrag am Deutschen Theater eine düstere Bilanz des „Kaputtalismus“

Er sei Mitte der 1990er Jahre schon einmal zu einer Diskussionsrunde über die Zukunft unseres Wirtschaftssystems am Deutschen Theater Berlin zu Gast gewesen, erinnerte sich der Wiener Journalist und Sachbuchautor Robert Misik zu Beginn seines Vortrags. Damals sei es fast schon provozierend gewesen, über Alternativen zum Kapitalismus überhaupt nachzudenken.

Die Debattenlage hat sich seitdem bekanntlich signifikant verändert: 2008 drohte der Lehman-Crash einen globalen Domino-Effekt auszulösen, das weltweite Finanzsystem stand kurz vor dem Kollaps. Regierungen und Notenbanken mussten mit massiven Hilfsprogrammen einspringen, was zu einem drastischen Anstieg der Schuldenberge führte.

Seit dem Sommer 2008 sind Politik und Gesellschaft nicht mehr aus dem Krisenmodus herausgekommen. Das Unbehagen über ein geringes, fast stagnierendes Wachstum und die sich vor allem in den vergangenen drei Jahrzehnten öffnende soziale Schere greift um sich. Als besonders markantes Symptom der Krise nannte Misik den allgemeinen Verschuldungsgrad aller Akteure (Staat, Unternehmen, Privathaushalte), der häufig schon bei 300 – 400 % des BIP liege.

Kritisch setzte sich Misik mit keynesianischen Lösungsansätzen auseinander: die Zähmung der deregulierten Finanzmärkte und eine stärkere Umverteilung, z.B. durch eine Vermögenssteuer, wie sie Thomas Piketty in seinem Bestseller Das Kapital im 21. Jahrhundert empfiehlt, löse die tieferliegenden Probleme nicht. Die ersehnte Rückkehr zu den stabilen Wirtschaftsverhältnissen in den knapp drei Jahrzehnten nach 1945, zu einem „guten Kapitalismus“, bleibe eine Illusion.

Nach Misiks Analyse trage der Kapitalismus bereits das „Kainsmal des Niedergangs“. Er beschrieb die gegenwärtige Situation des taumelnden Westens als einen Erosionsprozess, in dem wir mittendrin stecken. Statt eines großen Knalls seien wir Beteiligte und Zeugen eines schrittweisen Zusammenbruchs, wie es auch der Sozialwissenschaftler Wolfgang Streeck und der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman analysierten.

Das Tragische an dieser Situation sei, dass keine funktionierenden Alternativmodelle für eine gerechtere Wirtschaftsordnung in Sicht sein. Misik schloss seinen Vortrag mit der düsteren Pointe, dass es die finale Gemeinheit des Kapitalismus sei, dass wir uns nicht mal auf sein Ende freuen könnten.

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