Carnivale Royale

Diese beiden Welten, artistischen Zirkus und Drag, zu verknüpfen, ist eigentlich naheliegend. Deshalb überrascht es, dass Chamäleon-Geschäftsführer Hendrik Frobel stolz verkündet, dass diese Kombination erstmals in diesem Theater in den Hackeschen Höfen zu erleben sei. Tatsächlich musste ich auch etwas im Gedächtnis kramen, bis ich mich an die australische Briefs-Company erinnerte, die vor mehr als einem Jahrzehnt mehrmals im Tipi am Kanzleramt gastierte: hier mischt sich sehr viel Drag mit Slapstick, Comedy und etwas Artistik.

Das Besondere an der Amsterdamer „House of Circus“-Truppe ist, dass hier Drag und Artistik auf hohem Niveau nebeneinander stehen. Kopf der Gruppe und Conférencier Nick van der Heyden moderiert die einzelnen Nummern charmant an und überrascht bei jedem Auftritt mit einem neuen schillernden Drag-Kostüm, mal mit Riesenbrüsten, mal mit Boa, bis er sich schließlich aus dem Abendkleid schält und im Sportler-Dress einen Handstand meistert. Ihm zur Seite steht Co-Gründer Germain Iconnee mit tollpatschigem Slapstick bei den Auf- und Umbau-Pausen.

Die einzelnen Nummern sind stets kurz und prägnant, decken klassische Zirkus-Motive wie Seilakrobatik und Schwertschlucken ab, allerdings mit viel mehr Queerness und Sexyness als es üblicherweise in diesem Genre der Fall ist. Zum krönenden Finale gibt es noch eine Anita Berber-Hommage von Leo Garbo.

Bei diesem Show-Act zeigt sich jedoch das große Problem dieser Show noch mal überdeutlich. Lichtdesigner Christian Skolud hat, so vermute ich, ein ausgefeiltes Konzept für diesen glamourösen Diven-Auftritt entworfen. Leider wird dieses Konzept von den Zuschauern, die auch davor schon ständig mit ihren Smartphones bei maximaler Helligkeit hantierten, kaputt gemacht. Wie die sprichwörtlichen Elefanten im Porzellan-Laden zertrümmern einige rücksichtslose Gestalten die Wirkung dieser Show ohne jedes Gespür für dramaturgisch entwickelte Momente.

Das Schlimme daran: in seiner Eröffnungsansprache hat Hendrik Frobel das Publikum auch noch animiert, gerne Schnappschüsse und Videos zu machen. Seine allzu naive Hoffnung: es werde schon niemand über die Stränge schlagen und alle würden höchstens ganz rücksichtsvoll filmen und fotografieren. Es gibt sehr gute Gründe, warum fast alle anderen Theater mit Engelsgeduld immer wieder darauf hinweisen, dass die Handys auszuschalten sind. So unterschiedliche Häuser wie die Berliner Festspiele und der Friedrichstadt-Palast haben ihren Abenddienst sensibilisiert, schnell gegen blitzende, störende Displays vorzugehen.

Das Chamäleon ist hier als Geisterfahrer unterwegs. Deshalb der dringende Appell, diesen Unsinn sofort einzustellen. Die ständig flackernden Handys sind nicht nur eine Qual für das restliche Publikum, sondern unterminieren auch die Wirkung der künstlerischen Arbeit. Welcher Koch käme auch auf die Idee, seine sorgsam abgeschmeckte Kreation noch mal mit einem wahllos gesetzen Schuss zu vermantschen? Genauso sollte man auch mit Dramaturgie und Lichtregie auf der Bühne verfahren.

„Carnivale Royale“ wurde vom House of Circus fürs Chamäleon Theater überarbeitet und hatte dort am 10. Juni 2026 Premiere.

Bild: Camila Berrio

 

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