Die kleinen Meerjungraun

Der angebetete Marco (Jonathan Loosli) kauert die gesamte Zeit im Hintergrund, während das Trio Lucia Kotikova/Claudius Körber/Linus Schütz den Selbstfindungsprozess der kleinen Meerjungrau schildert.

In diesem Auftragswerk von Kim de l´Horizon, der schillernden nonbinären Persönlichkeit, die 2022 für „Blutbuch“ den Deutschen und Schweizer Buchpreis gewann, sind wieder all die Themen und Motive versammelt, die wir aus dem großen Hit kennen: die Schwierigkeiten einer Trans-Person, ihren Platz in der Welt zu finden, das ambivalente Verhältnis zu den hypermaskulinen cis-Männern als Liebhaber mit ihren Marmor-Muskel-Bodies und ihren emotionalen Defiziten, mehrfach geistert auch die Großmeer (Schweizerdeutsch für Goßmutter) durch den Text.

Lesenswert ist schon die Vorrede der Autoren-Person an die „Spielys“: ironisch, verspielt, selbstbewusst, im unverkennbaren de l´Horizon-Sound, der Anglizismen, Schwyzerdütsch und eigene Wortschöpfungen durcheinander wirbelt. Diesen Prolog hat Regisseurin Alia Luque (Trio ACE) in ihrer Spielfassung für die Uraufführung des KonzertTheaters Bern weggelassen.

Der Text beginnt gleich mit den Gedankenschleifen des Alter egos der Hauptfigur, die sich drei Spieler*innen im eleganten Partner-Look teilen. Kalauernd wie Elfriede Jelinek in Hochform und etwas alberner als der „Blutbuch“-Roman treiben sie diesen Abend voran, der als Spin-off die bekannten Themen weiter ausformuliert. Um den Verlust des Schwanzes kreisen die Gedanken dieses Mischwesens aus Mensch und Fisch, als es das Wasser verlässt und in die trockene Marco-Welt übersiedelt.

Kim de l´Horizon war es wichtig, dass die Spieler*innen improvisieren. Das beherrschen die drei Berner Gäste mit beeindruckender Schlagfertigkeit an mehreren Stellen, ein zu spät kommendes Paar in der ersten Reihe wird immer wieder Opfer und Anspielstation. Nach dem Empowerment-Schlussmonolog, den Lucia Kotikova spricht, macht Marco seine Verwandlung durch. Der toxische Dude schlüpft ins Kleid und macht sich gefolgt von der Live-Kamera auf den Weg hinaus in die Stadt. Einer der Regie-Einfälle, die diesen Text lebendig machen.

Vergangenes Wochenende räumte Kim de l´Horizon beim Wettbewerb für neue Dramatik in Mülheim ab: „Die kleinen Meerjungraun“ gewannen nicht nur den Publikumspreis, sondern auch knapp in der Finalrunde bei der Jury-Diskussion.

Der Text wurde am 27. September 2025 im Vidmar 1 in Bern uraufgeführt und gastierte am 8./9. Juni 2026 zu zwei Vorstellungen bei den Autor*innentheatertagen in der Kammer des Deutschen Theaters Berlin, die vom fröhlich glucksenden Publikum begleitet wurden.

Bilder: Fabian Stransky

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