Wie viel musikalisches Talent in diesem Ensemble steckt, beweist der Abschiedsabend des Ensembles von Shermin Langhoff, das fast geschlossen gemeinsam mit der Intendantin das Gorki Theater verlässt.
In Abendgarderobe schlendern Sesede Terziyan, die auch die meisten Songs bekommt, und Jonas Dassler auf die Bühne, die Bestuhlung des Zuschauersaals ist für den anstehenden Umbau bereits leergeräumt, nur auf dem Rang gibt es noch einige Sitzgelegenheiten während des dreistündigen Konzerts, mit dem das Gorki noch mal ein Ausrufezeichen setzt.
Zum Ende der ersten Hälfte jagt ein Banger den nächsten: Jonas Dassler glänzt noch ein letztes Mal als Fledermaus aus Yael Ronens „Planet B“-Satire, Nairi Hadodo und Sesede Terziyan klagen in „Hugo Boss“ aus Lena Braschs/Juri Sternburgs „East Side Story-Musical die NS-Verstrickung großer Konzerne an, Falilou Seck schmettert „Hurt“ von Johnny Cash aus Hakan Savaş Micans „Berlin Karl-Marx-Platz“-Rockoper herzzerreißend und mit „Zog nit Keynmol“ gibts gleich noch einen Hit aus Braschs Musical-Hit, die kommende Saison an der Volksbühne weiterarbeiten wird.
Shermin Langhoff zeigt Größe, als sie sich in ihrer Einführung bei allen Mitarbeiter*innen entschuldigt, die sie zu aufbrausend verletzt hat. Entsprechende Vorwürfe begleiteten die Endphase ihrer 13jährigen Intendanz. Ihr bleibendes Vermächtnis ist, dass siepostmigrantische Stimmen und Narrative ins Stadttheater gebracht hat. Als frühes signature piece gilt zurecht Verrücktes Blut, das mit dem Song „Wenn ich ein Vöglein wär“ vertreten ist und bis zuletzt im Repertoire war. Sonst dominieren zwangsläufig an diesem Abend die aktuelleren Inszenierungen. Zu aufwändig und teuer wäre es gewesen, noch mehr Lieder aus der Frühzeit des Gorki zu reanimieren.
Die drei Stunden zeigen, dass Berlin sein wohl musikalischstes Ensemble verliert, denn Via Jikeli, Lindy Larsson oder Anastasia Gubareva wurden in der obigen Aufzählung der Highlights noch gar nicht erwähnt.
Ärgerlich an diesem gelungenen Abschiedskonzert waren nur die verzweifelten Versuche einer älteren Zuschauerin, die Songs mitzufilmen. Da sie mit ihrem Smartphone aber so offensichtlich überfordert war, packte sie es nach ca. 20 Minuten endlich in die Tasche, wo es später noch ein letztes Mal bimmelte. Aber sowohl sie selbst als auch wir Sitznachbarn hatten von diesem Abschiedskonzert ohne diese gescheiterte Film-Aktion wesentlich mehr.
Nach der gestrigen Generalprobe läuft das „Songs from the last years“-Konzert heute Abend noch mal im Gorki Theater.
Bild: Esra Rotthoff