Ein Bericht für eine Akademie

Was für ein Ausnahmetalent! Jonas Dassler schiebt zwischen Pressekonferenz und Gala-Premiere von Fatih Akins „Der goldene Handschuh“ mal eben eine Performance als Affe Rotpeter in Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ ein, die zu den Highlights des Theaterjahres zählt. Es ist eine Freude, diesem Energiebündel und Vollblutschauspieler dabei zuzusehen, wie er sich voll und ganz in seine Rolle wirft.

Hier wird kein Risiko gescheut und keine Handbremse gezogen. Er springt über die Tische, wälzt sich am Boden und lässt sich von den Kolonialherrn, die ihn einfangen und domestizieren, Bananen in den Mund stopfen, bis er kaum noch Luft bekommt. Diese Szene erinnert natürlich an das berühmte, hoch umstrittene Waterboarding, das Franz Pätzold in Oliver Frljićs „Balkan macht frei“ über sich ergehen lässt, auch wenn es nur eine deutlich entschärfte, quasi die Light-Version ist.

Hier sind wir beim Problem des Abends: der kroatischen Regisseur, dem im Marstall des Münchner Residenztheaters gedankenstarke, funkelnde Abende wie „Mauser“ und das zitierte „Balkan macht frei“, bleibt auch in seiner zweiten Gorki-Arbeit deutlich unter seinem Niveau. Viel zu zäh wird hier zwei Stunden lang Text abgespult. Viel zu platt und mit dem für Frljićs schwächere Arbeiten leider symptomatischen Holzhammer wird hier eingedroschen.

Die gedanklichen Kurzschlüsse des Abends sind oft geradezu peinlich, wie Christian Rakow in seiner Nachtkritik mit Blick auf Sesede Terziyans Einstiegs-Monolog über den Holocaust und das Vernichtungslager Treblinka kritisierte. Es wird aber im Lauf des Abends nicht besser, am Schluss muss Jonas Dassler vor der Kulisse des Reichstags einen Bogen zur Migrations- und Überfremdungs-Debatte schlagen, bei dem es gewaltig knirscht.

Wie schon in „Die Nacht von Lissabon“ stolpert die Regie vor sich hin und die Spielerinnen müssen den Abend retten. Bei der letzten Premiere waren es Dimitrij Schaad und Anastasia Gubareva, die glänzten und die Kritikerinnen derart mit ihrem Charme derart verzauberten, dass viele Rezensionen über die dramaturgischen Schwächen hinweggingen. Diesmal ist es Jonas Dassler, der eine große Show aufs Parkett zaubert.

Einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen außerdem Pavian Jeany und Aram Tafreshian. Letzter springt im Stil von „The Square“ durch die Zuschauerreihen und rückt manchen so nahe, dass die Blicke bang und der Atem flach werden.

Das restliche Ensemble muss sich zu oft in drögem Diskurstheater zum Abnicken und kleinen Slapstick-Einlagen ergehen, ohne seine Klasse wirklich zeigen zu können.

Bild: Esra Rotthoff

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