Heimat ist ein Raum aus Zeit

Der Dokumentarfilmer Thomas Heise gehört zu den Stammgästen im Forum der Berlinale, der Sektion, die Sehgewohnheiten herausfordert und den üblichen Rahmen sprengt.

Sein neues Werk „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ ist mit 218 Minuten einer der längsten Filme im Programm der 69. Berlinale und verlangt seinem Publikum auch wegen der langsam dahingleitenden Kamerafahrten, der strengen Schwarz-Weiß-Ästhetik und und monotonen Erzählerstimme des Filmemachers einiges ab.

Der Anspruch dieser Arbeit ist es, anhand der exemplarischen Familiengeschichte zwischen Wien, (Ost)-Berlin, Mainz und zwei deutschen Diktaturen ein großes Geschichtspanorama zu entfalten. Umfangreich zitiert Heise aus Briefen seiner Großeltern, Onkel und Tanten, in denen sie außer höchst privaten Liebesangelegenheiten immer auch die Lage der Nation mitverhandeln: Wir erfahren von der Angst der jüdischen Verwandten in Wien, nachdem die ersten Anweisungen an Juden ergangen sind, sich an Sammelstellen zur Deportation nach Polen einzufinden. Auf der Leinwand werden minutenlang die Listen der NS-Bürokratie, die penibel Namen, Anschriften und Geburtsdaten festhielten, heruntergescollt. Ein durch die Sektorengrenze im heraufziehenden Kalten Krieg getrenntes Paar reflektiert ihr Verhältnis zueinander und zu den beiden deutschen Staaten.

Die letzte Stunde widmet sich vor allem Thomas Heises Vater Wolfgang, der als Philosophieprofessor an der Humboldt-Universität in Ungnade fiel. Auch hier erhalten wir umfangreichen Einblick in die Korrespondenz des Ehepaares Wolfgang und Rosemarie Heise, die vor und nach der Wende ausführlich mit den spannendsten Köpfen der DDR-Intelligenz wie Heiner Müller und Christa Wolf über Brechts Dramen, Stasi-Verstrickungen, die eigene Bespitzelung durch Nachbarn und das Ende der Blockkonfrontation kommunizierten.

Etwas unvermittelt endet die überlange Geschichts-Lehrstunde mit einem melancholischen Statement von Thomas Heise aus dem Jahr 2014, in dem seine Mutter im Pflegeheim sich auf das Sterben vorbereitete.

Der Materialreichtum von „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ ist beeindruckend. Die fast vier Stunden zeichnen zwar ein detailliertes Bild einer deutsch-jüdischen Intellektuellen-Familiengeschichte. Der sperrige, sehr langsam erzählte Film bietet aber darüber hinaus kaum allgemeinere Erkenntnisse über die Zeitgeschichte der vergangenen Jahrzehnte, die nicht bereits aus vielen anderen Quellen und Publikationen bekannt sind.

Bild: © Ma.ja.de

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