4.48 Psychose

Die Vorwürfe mancher Kritiker*innen, dass er testosterondampfendes Überwältigungstheater mache und die Spieler*innen – an Hochseilen an gewaltigen Stahlungetümen angekettet – stundenlang deklamieren und marschieren lasse, scheinen Ulrich Rasche getroffen zu haben.

Vor seinem Debüt am Deutschen Theater Berlin kündigte er an, dass er zurück zu den Wurzeln wolle. Statt teurer Drehwalzen, Scheiben und raffinierter Konstruktionen ist diesmal Downsizing angesagt. Ulrich Rasche setzte diesmal nur zwei Laufbänder ein, gerahmt von zwei Lichtsäulen, auf der ansonsten dunklen Bühne.

Und noch eine Überraschung gibt es: statt brüllender, durchtrainierter Männerchöre gehört vor allem die erste Stunde von „4.48 Psychose“ ganz den Frauen. In leisen Soli führen der Rasche-erprobte Münchner Gast Katja Bürkle und die beiden DT-Spielerinnen Kathleen Morgeneyer und Linda Pöppel in den Abend ein. Er beginnt als leises Requiem mit einem klagenden, manchmal geradezu weinerlichen Ton, der auf der Bühne wesentlich sentimentaler klingt als die schonungslose Selbstanalyse des namenlosen Ichs im „4.48 Psychose“-Gedankenstrom-Monolog von Sarah Kane.

Erst spät fährt die Energie des Abends hoch. Das gleichförmige Tremolo der vier Live-Musiker*innen (Schlagwerk, Bass und E-Orgel) schwillt an, als auch der Chor auf die Bühne marschiert. Die Spieler*innen tragen statt der gewohnten Leder-Korsagen diesmal über den Slips hautenge, oft transparente Ganzkörperanzüge und sprechen im Chor die langen Aufzählungen all der Psychopharmaka aus dem Text.

Über den „Horror des Stillstands“ wird etwa zur Hälfte des pausenlosen Dreistünders deklamiert. Sie ist tatsächlich eine Crux des Abends. Der Text, den Kane im Jahr 1999 kurz vor ihrem Suizid schrieb, ist eine assoziative, schwer zu fassende, atemlose Aneinanderreihung von Selbstvorwürfen, inneren Monologen und Gesprächen mit Ärzten, die möglicherweise nur im Kopf stattfinden. Eine dramatische Entwicklung oder ein Spannungsbogen fehlen in diesem recht gleichförmigen Gedankenstrom.

Katie Mitchell entschied sich zuletzt im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses, den Text von Julia Wieninger als Solistin im Staccato performen zu lassen. Nur eine Stunde dauerte dieser Abend.

Die dreifache Zeit dehnt sich dieser Klage-Gesang von Ulrich Rasche, der durch seine schiere Länge für Publikum und vor allem die Spieler*innen zur Kraftanstrengung wird und in seiner Monotonie ermüdet. Besonders zur Hälfte des Abends drängen Zuschauer*innen zum Ausgang und klappern im Minutentakt die Türen, das helle Licht aus dem Foyer stört die düstere Atmosphäre und das Lichtdesign auf der Bühne.

Die Intensität packender Rasche-Abende wie „Die Räuber“, „Die Perser“ oder „Die Bakchen“ erreicht „4.48 Psychose“ nicht. Der gleichförmige Gedankenstrom von Sarah Kane passt weniger gut als die klassischen Dramen-Texte zu Rasches Regie-Stil, der vom Gegeneinander von Chor und Solist*innen und Rhythmus-Wechseln lebt.

Bilder: Arno Declair

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