Metamorphosen

Ovids „Metamorphosen“, dieser bunte Reigen aus mythischen Geschichten, bietet zwar ein Füllhorn interessanter Figuren und unerwarteter dramatischer Wendungen. Kein Wunder, dass Theater-Regisseur*innen sich in dieser Fundgrube immer wieder bedienen: zuletzt näherten sich Antú Romero Nunes zum Start seiner Basler-Intendanz und wenige Monate später auch Claudia Bauer an der Berliner Volksbühne diesem Stoff. Beide Inszenierungen hatten mit demselben Problem zu kämpfen: Wie macht man aus den Miniaturen mehr als eine unterhaltsame Revue? Wie spannt man einen dramaturgischen Bogen und wie verknüpft man die einzelnen Szenen.

Beide Arbeiten sind nach dem Mash-up-Prinzip gebaut: Bauers konfus wirkende Arbeit zitiert mit die Spielstile und Regie-Handschriften, die die Volksbühne in den vergangenen drei Jahrzehnten prägten, und spielt recht ermüdend mit diesen Kopien. Noch eine Stunde länger dauerte die Basler Inszenierung: mehr als drei pausenlose Stunden mäandert dieses ausufernde Werk und vor allem in der zweiten Hälfte gibt es allzu viele Längen.

Was die Basler „Metamorphosen“-Arbeit dennoch bemerkenswert macht, ist die Spielfreude des tollen Ensembles, das Nunes bei seinem schwierigen Einstand als Schauspieldirektor wenige Wochen vor dem zweiten Lockdown vorstellte: hier hat sich eine sehr spannende Truppe aus alten Weggefährten, Shootingstars, Quereinsteigern und neuen Gesichtern zusammengefunden.

Paula Beer, Marie Löcker

Neben dem harten Kern der Nunes-Truppe um seine Partnerin Aenne Schwarz, die zuletzt am Wiener Burgtheater engagiert war, Michael Klammer, mit dem er schon vor einem Jahzehnt am Berliner Gorki Theater erste Erfolge feierte, und Spieler*innen wie Marie Löcker und Sven Schelker, die er vom Thalia Theater Hamburg mitgebracht hat, sind auch überraschende neue Namen dabei. Nach seinem fulminanten Auftritt mit „Dantons Tod“ im Studio der Schaubühne noch während seines Schauspielstudiums war Jonas Dassler im Ensemble des Gorki Theaters in den vergangenen beiden Spielzeiten der wohl vielversprechendste Jungstar der Berliner Theaterszene. Ebenfalls aus Berlin wechselte Annika Meier von der Schaubühne nach Basel. Die ungewöhnlichste Besetzung ist Paula Beer, die man aus elegischen Kunstfilmen von Francois Ozon und Christian Petzold kennt und die sich hier an einen ganz anderen, hochtourigen Spielstil voller Slapstick und Comedy gewöhnen muss. Neben der in Basel geborenen, aber in Berlin ausgebildeten Anne Haug, die zuletzt vor allem in der Freien Szene arbeitete, und Vera Flück, die am Schauspielhaus Zürich erste Erfahrungen sammelte, sind auch mit Barbara Colceriu und Nairi Hadodo zwei Spielerinnen dabei, die frisch von der Schauspielschule ihr erstes Engagement geben.

Gemeinsam mit dieser bunten Truppe hat Nunes einen ideenreichen Abend entwickelt, in dem zwar nicht jeder Gag zündet und nicht jede Szene stimmig ist, in seinem wilden Assoziations-Übermut aber durchaus unterhält. Auch während seiner Zeit als Hausregisseur am Thalia Theater gab es manche Nunes-Abende, die sich verzettelten und zu viel wollten. Das ist auch das Manko dieser „Metamorphosen“. Aber schon in Hamburg glückten Nunes immer wieder tolle Abende, die lange im Gedächtnis bleiben, und diese spannende Mischung aus erfahrenen Profis und interessanten Talente lässt für Basel einiges erhoffen, das weit über die Nordwest-Schweiz hinausstrahlen könnte.

Bilder: Maurice Korbel

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