Berlau – Königreich der Geister

Zu Brechts Zeiten mag das noch anders gewesen sein, aber das Berliner Ensemble gilt nicht gerade als Ort spannender Experimente. Das war schon so während der Intendanz von Claus Peymann, aber auch für die ersten Spielzeiten seines Nachfolgers Oliver Reese. Nun beginnt er, sich mit einigen mutigen Schritten von diesem Image zu befreien. Nach der Bondage-Show „Amok“ von Cordelia Wege und Stefanie Reinspergers „Phaidras Liebe“-Solo ist zum Abschluss der Spielzeit das bisher gelungenste Experiment zu erleben.

Auf dem engen Raum der kleinsten BE-Spielstätte hat das Kollektiv Raum+Zeit (Regie: Bernhard Mikeska, Text: Lothar Kittstein) einen eindrucksvollen Parcours im Werkraum aufgebaut, durch den jeder einzelne Zuschauer allein auf sich zurückgeworfen im 12 Minuten-Rhythmus von schwarzgefiederten Todesengeln geführt wird. Der erste schauspielerische Höhepunkt des 70 Minuten-Abends ist die Konfrontation mit Schauspielstar Susanne Wolff, die nach ihrem Abgang vom DT Berlin viel zu selten auf den Theaterbühnen zu erleben ist. Mit ihrem unnachahmlich spöttisch-maliziösen Lächeln treibt sie den Zuschauer in die Enge treibt. Sie spielt die junge Ruth Berlau, eine der vielen, zu wenig beachteten Frauen im Brecht-Kosmos. Spöttisch und provozierend ist auch der Grundton, den Amelie Willberg im nächsten, fast genauso engen Raum anschlägt. Entspannter wird es für die Zuschauer, die sich diesem Parcours aussetzen, nur in der dritten Berlau-Begegnung mit Esther Hausmann, die sie als abgeklärte, aber auch schon abgekämpfte ältere Frau anlegt.

Martin Rentzsch als Bertolt Brecht, © RAUM+ZEIT

Doch nicht nur die dreifache Ruth Berlau bedrängt uns an diesem Abend, sondern auch Meister Brecht selbst. In einer VR-Installation finden wir uns erst im Publikumssaal, später in einem Kreidekreis auf der Bühne des BE wieder. Herrisch schnauzt Brecht den Solo-Zuschauer an. Am Temperament jedes Einzelnen liegt es, ob er Contra gibt oder einfach nur als stumme „Anspielwurst“ die Attacken über sich ergehen lässt. Es ist eine Stärke dieses immersiven Abends, der sich aus biographischen Schnipseln über das Verhältnis von Berlau zu Brecht zusammensetzt, dass er in beiden Fällen funktioniert.

Vorschaubild: Matthias Horn

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