Als „Film des Jahres“ und Meisterwerk wurde Sandra Wollners Film aus der ZDF-Mitternachtsnische „Das kleine Fernsehspiel“ schon in Cannes bejubelt, Daniel Kohlenschulte (FR) war sich sicher, einen „Klassiker der Zukunft“ gesehen zu haben.
Die österreichische, in Berlin lebende Regisseurin steht noch am Anfang ihrer Karriere: Nach ihrem Abschlussfilm „Trouble of being born“ (Berlinale Encounter 2020), in dem sich beispielhaft all die Probleme eines sperrig-verquasten, das Publikum ignorierenden, um sich selbst kreisenden Kinobegriffs der kurzen, glücklosen Berlinale-Intendanz von Carlo Chatrian zeigten, gelingt ihr in ihrem nächsten Spielfim die Balance zwischen surreal-verspieltem Kunstkino und Zugänglichkeit wesentlich besser.
Ganz realistisch wirkt sogar die erste Hälfte, in der bedeutungsschwere Leitmotive wie Sonnenuntergänge schon darauf hinweisen, dass uns hier kein naturalisisches Familiendrama erwartet. Ganz alltäglich wirkt das Leben der gestressten, alleinerziehenden Ella (Birgit Minichmayr) zunächst, die mit der Teenagerin Jessie (Carla Hüttermann) und der jüngeren Melli (Lotte Shirin Keiling) auf zu engem Raum wohnt. Jessie flüchtet sich aus dem gemeinsamen Kinderzimmer in einen Flirt mit Lux (Tristán López), dem sie Mathe-Nachhilfe gibt und der sie in seine Welt des Party-Ezesses und der Drogen-Trips mitnimmt.

Eine Nacht endet mit Jessies tödlichem Sturz von einem Dach mit Blick auf den Fernsehturm am Alex. Ein, zwei Jahre später setzt die assoziative Handung voller Leerstellen wieder ein: Ella und Melli haben sich mühsam in einem Alltag eingerichtet, besuchen regelmäßig das Grab, die Trauer ist unausgesprochen stets präsent. Lux kommt nach einem USA-Aufenthalt zurück nach Berlin, hat eine neue Freundin, sucht aber Anschluss an die beiden anderen Hauptfiguren, die in der Folge ein Patchwork-Trio bilden, das so eigenwillig ist wie der ganze Film.
Gemeinsam brechen sie nach Teneriffa auf: vor der eindrucksvoll von Gregory Oke gefilmten Naturkulisse schieben sich Traum und Realität, Schnipsel aus WhatsApp-Nachrichten und alten Home-Videos aus Jessies Kindheit zu einer Traum-Séance zusammen. Trägt bis dahin vor allem Burgtheater-Star Minichmayr den Film, spielt sich nun neben Okes Kamera, die schon in „Aftersun“ 2022 auffiel, die Kinderdarstellerin Keiling als Melli in den Mittelpunkt. Wie Regisseurin Wollner in einem Interview berichtete, wurde ihr das Mädchen von Sandra Hüller empfohlen, die mit ihr die ansonsten schnell vergessene Sommerkomödie „Zwei zu eins“ (2024) drehte.

Auch wenn die Begeisterungsstürme einiger Kritker/-innen befremdlich anmuten, ist es doch bemerkens- und sehenswert, wie Wollner in ihrem Film von den Schwierigkeiten der Trauerarbeit erzählt und wie sie ihre Geschichte in einem zeitlosen Schwebezustand auflöst, in dem eine Wiedergängerin der Toten auftaucht und sich der Plot einer rationalen Betrachtung bewusst entzieht. Ein Film wie ein Drogentrip, den das stumpfe, penetrante Popcorn-Mampfen der Sitznachbarn zielsicher stört.
Seine Premiere hatte „Everytime“ in der Sektion Un certain regard am 18. Mai 2026 in Cannes. Für den Wettbewerb um die Palmen wäre dieser verträumt-experimentelle Film der Nachwuchs-Regisseurin wohl noch zu leichtgewichtig gewesen, doch in dieser wichtigsten Nebenreihe überzeugte der Film und wurde mit dem Hauptpreis der Sektion ausgezeichnet. Am 28. Juni 2026 folgte die Deutschland-Premiere beim Filmfest München im Wettbewerb CineCoPro, seit 6. August 2026 läuft „Everytime“ in den deutschen Kinos.
Bilder: © TheBarricades, PanamaFilm, Gregory Oke