Fever Room

So viel hat sich in der Volksbühne gar nicht verändert: Wie zu René Polleschs Zeiten sind die Stühle wieder Mangelware. Ein Großteil des Publikums muss auf dem Boden Platz nehmen. Statt des harten Asphalts der Castorf-Ära gibt es immerhin einen Teppich, außerdem reicht das Dercon-Team noch ein paar Sitzkissen.

Bei fahlem Taschenlampenlicht wird das Publikum in den dunklen Bühnenraum geführt. Die Leinwand fährt hoch, doch es passiert erst mal enttäuschend wenig. Wiederholungsschleifen meditativer Bilder flimmern über die kleine Leinwand, die im großen Saal verloren wirkt. In seiner ersten Theater-Arbeit greift der thailändische Filmkünstler Apichatpong Weerasethakul Motive aus seinem jüngsten Film „Cemetry of Splendour“ über einen Soldaten im Wachkoma auf, der beim „Around the World in 14 films“-Festival vor zwei Jahren seine Berlin-Premiere hatte.

Zwangsläufig drängt sich die Frage auf: Ist ein Theater der richtige Rahmen für dieses Werk? Wäre es nicht viel besser in einem auf Filmkunst spezialisierten Kino wie dem Arsenal oder dem Babylon Mitte aufgehoben?

Langsam fährt eine zweite Leinwand hoch. Der Abend kommt aber immer noch nicht in Fahrt. Wir erleben lange Flussfahrten über den Mekong und Aufnahmen von südostasiatischem Meeresrauschen: die ideale Meditation für Leute, die unter Schlaflosigkeit leiden und die verdienstvolle Reihe „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“ vermissen, die früher vor dem ARD-Morgenmagazin als Einschlafhilfe diente.

Erst nach knapp 50 Minuten wird klar, warum „Fever Room“ eine große Bühne oder zumindest einen Museums-Raum braucht und in einem Programmkino falsch aufgehoben wäre. Die Technik der Volksbühne kommt zum Großeinsatz und lässt wie am Eröffnungsabend „Beckett/Sehgal“ ihre Muskeln spielen. Mit Lichteffekten lässt Weerasethakul einen großen Tunnel entstehen, der das Höhlenmotiv, das zuvor über die Leinwand flimmerte, aufgreift.

„Die Mittel von Großraumdisko und Stadionkonzert“, die hier mit klassischer Überwältigungsgeste aufgefahren werden, sind zwar altbekannt, wie Matthias Dell auf SPIEGEL Online anlässlich der deutschsprachigen „Fever Room“-Erstaufführung beim Steirischen Herbst 2016 anmerkte. Aber diese Lichtinstallation hat zweifellos ihren Reiz. Ein Schlund im Hintergrund der Bühne scheint alles in sich aufzusaugen und zu verschlingen. Weerasethakul spielt meisterhaft mit Farbschattierungen und Raumwirkung. „Der Höhepunkt des darstellerlosen Theaters ist der Moment, da Filmbilder als Schatten auf den angeleuchteten Kunstnebel projiziert werden“, schreibt Matthias Dell zurecht.

Langsam klingt der Abend nach knapp 90 Minuten aus. Ein ungewöhnliches Werk, das Theater, Kino und Lichtinstallation verbindet, dem aber dennoch einiges fehlt, was die Filme von Weerasethakul ausmacht. Im „Fever Room“ wartet man vergeblich auf die surreale, fiebrige Stimmung aus seinem Film „Tropical Malady“, mit der er in Cannes 2004 seinen internationalen Durchbruch hatte. Außerdem vermisste ich den anarchischen Witz seiner Blockbuster-Parodie „The Adventure of Iron Pussy“ (2003), der wie schon in den meisten späteren Werken sakralem Ernst weichen musste.

Wer sich für das Gesantwerk von Apichatpong Weerasethakul interessiert, hat am kommenden Samstag/Sonntag Gelegenheit, 24 Stunden lang in alle Facetten seines Werks einzutauchen. Alle Filme (vom Gewinner der Goldenen Palme bis zum Kurzfilm) werden mit kurzen Pausen am Stück präsentiert.

Bild: Kick the Machine Films

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