Was macht es mit Menschen, wenn sie monatelang bei – 50 Grad oder noch extremeren Temperaturen auf engstem Raum in einer antarkischen Forschungsstation mit einander auskommen müssen?
Das versuchten Regisseur Jan-Christoph Gockel, der Dokumentarfilmer Lion Bischof und die beiden Spieler*innen Julia Gräfner und Wolfram Koch herauszubekommen, als sie sich im vergangenen Winter auf der Neumayer-Station III des Alfred-Wegener-Instituts einquartierten.
Sie brachten umfangreiches Video-Material mit, das zwangsläufig nur, aber doch immerhin einen kleinen Eindruck von den dortigen Lebensbedingungen vermitteln kann. Die schier endlose weiße Weite ist immer wieder zu erahnen. Ein Steck-System, mit dem der ungefähre Standort jeder Person stets abrufbar ist, wird ausführlich vorgestellt, auch wenn Wolfram Koch dagegegen rebelliert. Dass es nicht einfach sein dürfte, mit so einem anarchischen Freigeist fern der Zivilisation eingeschlossen zu sein, wird sehr deutlich.

Neugierig stellen Gräfner/Koch den Ingenieur*innen der Station allerlei staunende Fragen, das ganze Team tritt dann auch beim Ballett oder in Bären-Kostümen auf. Als „Kessel Buntes“ empfand Nachtkritikerin Dorothea Marcus die Premiere während der Ruhrfestspiele im Theater Marl. Der launige Mix zum Saison-Finale ist aber durchaus sympathisch.
Vor allem gelingt das Zusammenspiel der beiden Komödiant*innen auf der Bühne: die schnoddrig-lakonische Gräfner und der aufgekratzt-nervöse Koch, dessen latente Aggression spürbar ist, spielen die Techniker Sergej und Oleg, zwischen denen es 2018 auf der russischen Station zu einem Zwischenfall mit einem Messer kam.
Um diese wahre Geschichte kreist die Mockumentary-Komödie, neben den Einspielern garniert mit vielen Anspielungen auf Stanislaw Lem, Herman Melville und Werner Herzog. Gespoilerte Roman-Enden sollen die Ursache des Konflikts gewesen sein, hier bekommt auch Ulrich Matthes einen kurzen Auftritt, diesmal nicht auf seiner angestammten Bühne, sondern als Premierengast in Reihe 5, als er von Gräfner nur mit Mühe abgehalten werden kann, die Inhalte nicht zu spoilern, die sie natürlich gleich danach selbst verrät.
Nach der Premiere am 16. Mai 2026 in Marl kam „Polaris“ am 5. Juni 2026 mit kleinen Anpassungen auch beim koproduzierenden Deutschen Theater Berlin auf der Kammerbühne an: ein sehr aufwändiger Abend, der auf seine sprunghaft-launige Art unterhält. Ein kleiner Spaß zum Abschluss der Spielzeit, die mit Gockels „Wallenstein“ ihr Highlight hatte.
Bilder: Thomas Aurin