Ja heißt Ja und…

Nur knapp hundert Seiten schmal ist das Bändchen, das im Juni 2019 erschienen ist und auf der gleichnamigen „Lecture Performance“ von Carolin Emcke basiert.

Der Begriff „Performance“ ist etwas hochgegriffen. Es handelt sich eher um eine klassische, konzentrierte Lesung von Miniaturen, unterbrochen von kurzen Musikstücken (meist Klassik, selten Rap) und im Hintergrund begleitet von Videos (Rebecca Riedel, Mieke Ulfig).

Mit dem Zweifel und dem Ringen um Worte beginnt und endet der 90minütige Abend. Dazwischen reflektiert Emcke in dem ihr eigenen Duktus, der stets zwischen präzisen Sätzen und einem zum Teil etwas zu predigerinnenhaften Ton schwankt, über Begehren und Sexualität in Zeiten von #metoo.

Spöttisch-stirnrunzelnd fragt sie, warum der Bademantel als Accessoire in so vielen Horror-Storys übergriffiger Alpha-Männer von Strauss-Kahn über Wedel bis Weinstein auftaucht. Der Abend folgt bewusst keinem stringenten roten Faden, sondern umkreist mit kleinen Skizzen die öffentliche Debatte.

Meist bleiben die Texte auf der Meta-Ebene und grübeln soziologisch-geschult über fragwürdige Begriffsverschiebungen wie „Tugendterror“, die Emcke klug auseinandernimmt. Seltener wird der Abend auch sehr persönlich: Emcke berichtet, dass sie als junge Redakteurin vom Herausgeber angerufen wurde, der einen Artikel lobte. Ihr Ressortleiter fragte besorgt, ob sie vom kaum noch präsenten Patriarchen (es handelte sich vermutlich um die SPIEGEL-Legende Rudolf Augstein) eine Einladung nach Hause bekommen habe. In dem Fall hätte er darauf bestanden, sie zu begleiten, da zu viele Geschichten über Treffen mit anderen jungen Journalistinnen kursierten.

In einer anderen Miniatur denkt Emcke über ihr Verhalten nach, als sie bei einem Abendessen Zeugin wird, wie eine Freundin von ihrem Partner gedemütigt und geschlagen wird. Auf die naheliegende Idee, den Mann zu konfrontieren, kam sie nicht. Stattdessen kreisten ihre Gedanken um die Freundin. Als diese ihr Angebot ablehnte, zu ihr zu ziehen, und noch jahrelang brauchte, um sich aus der gewalttätigen Beziehung zu lösen, ging Emcke auf Distanz, weil sie das Drama nicht länger mit anschauen wollte und konnte.

Aus ihrer Zeit als Kriegsreporterin stammt eine Episiode über einen pakistanischen Haus-Sklaven der sogenannten Nordallianz in Afghanistan. Erst Jahre später wurde ihr bei der Zeitungslektüre bewusst, dass diese männlichen Sklaven oft auch sexuell ausgebeutet wurden. Dass auch Männer Opfer sexueller Gewalt werden, kommt in der #metoo-Debatte meist nur am Rande vor und wird an diesem Abend nicht verschwiegen.

Bereits am 3. Adventssonntag 2018 hatte die „Ja heißt Ja und….“-Lesung von Carolin Emcke im Globe der Berliner Schaubühne Premiere. Sie ist nicht nur dort regelmäßig zu erleben, sondern gastierte bereits an mehreren anderen Bühnen vom Schauspielhaus Zürich bis zum Thalia Theater Hamburg.

Bild: Gianmarco Bresadola

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