hildensaga. ein königinnendrama

Imposant ist allein schon die Kulisse dieses Sommertheaters: die Nordfassade des Wormser Doms, die zunächst friedlich in die Abendsonne ragt und kurz vor Mitternacht, als die Nibelungen im Blutbad untergehen, rot angestrahlt wird. Palle Steen Christensen hat vor diese Fassade einen metertiefen Pool gesetzt, in dem sich das Ensemble nach Herzenslust austoben kann. Das Becken eignet sich ebenso für eindrucksvolle Tauchgänge wie für Flirt-Spiele zwischen Siegfried (Felix Rech) und Brünhild (Genija Rykova), mal wird es zum Party-Pool bei der Siegesfeier am Hof von Burgund, mal düstere Moor-Landschaft. Totenköpfe schwimmen hier schon recht früh über die Wasseroberfläche, das große Gemetzel findet zum Finale statt.

Der angesagte österreichische Dramatiker, der unter dem Pseudonym Ferdinand Schmalz seit einigen Jahren Erfolge feiert, hat die Nibelungen-Saga für die aktuelle Ausgabe der gleichnamigen Festspiele recht sanft überschrieben. Wer hier im Mittelpunkt steht, sagt schon der Titel: nicht Held Siegfried, sondern die beiden „Hilden“, Brünhild (Rykova) und Kriemhild (Gina Haller). Schmalz lässt die beiden Frauen in seiner Variante nicht aufeinander losgehen, sondern sich gegen die Männer verbünden: als „Verschwesterung statt Zickenkrieg“ fasste es die SZ in der Überschrift zu Christine Dössels Premieren-Kritik zusammen.

Dass der Abend mehr ist als unterhaltsames Sommertheater abseits der Metropolen und sich auch eine weitere Anreise lohnt, ist vor allem einem erstaunlich starken Ensemble zu verdanken. Regisseur Roger Vontobel, seit dieser Spielzeit Schauspieldirektor in Bern, zuvor Hausregisseur in Bochum und Düsseldorf, arbeitet mit oft recht jungen Spieler*innen zusammen, die große Häuser schon seit einigen Jahren mitprägen:

Als Brünhild schaltet Genija Rykova blitzschnell von Eiseskälte auf rasenden Zorn um. Sie war gleich nach ihrem Studium lange am Münchner Residenztheater engagiert und wechselte dann nach Berlin. In ihren ersten Auftritten nach den Lockdowns an der Schaubühne unter der Regie von Marius von Mayenburg und Simon McBurney ihr Potential noch nicht entfalten. Um so schöner ist es, dass sie im Zusammenspiel mit Felix Rech als Siegfried die erste halbe Stunde des Nibelungen-Dramas dominiert.

Rech ist als Siegfried eine ideale Besetzung für den selbstbewussten und doch verletzlichen Helden, einen ähnlichen Part hatte er schon als Achill in Michael Thalheimers Frankfurter „Penthesilea“-Inszenierung, die lange Zeit im Repertoire des Berliner Ensembles war. Zu ihrer Verbündeten entwickelt sich die Kriemhild von Gina Haller, die für ihre Auftritte am Schauspielhaus Bochum z.B. als Ophelia zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres 2020 gewählt wurde. Als König Gunther agiert Franz Pätzold, eine der tragenden Säulen im Konzept von Martin Kušej zunächst am Residenztheater München und derzeit am Burgtheater Wien.

Mehr als drei Stunden liefern sie einen Theater-Abend mit vielen Schauwerten, der mehr als Spektakel ist, da der Cast auch mit den schauspielerischen Nuancen überzeugt. Live-Kameras fangen das Geschehen am und im Pool ein und übertragen es in Großaufnahme auf die Leinwände, so dass auch von den Tribünen jedes Detail zu erkennen ist.

Bilder: David Baltzer

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