Nathan der Weise

Unerbittlich dreht sich die Bühne auf der Perner-Insel in Hallein. Unverkennbar ist der Regie-Stil von Ulrich Rasche bei dieser Eigen-Produktion der Salzburger Festspiele. Und doch ist vieles anders als in seinen bekanntesten Abenden: Die wuchtigen Maschinen-Ungetüme, die sich durch Inszenierungen wie seine „Räuber“ am Residenztheater walzten, sind verschwunden, und auch der dröhnende Klangteppich der Live-Musiker (Carsten Brocker, Christopher Lübeck, Katelyn King, Špela Mastnak, Thomsen Merkel) erreicht längst nicht mehr frühere Dezibel-Stärken.

Seine Gegner werfen Rasche vor, dass er jedem Klassiker-Text seine Regie-Handschrift überstülpe und den Spielern kaum eine Möglichkeit bleibe, in diesem strengen, kräftezehrenden Korsett individuelle Akzente zu setzen. Dieses Klischee-Zerrbild widerlegt Rasche an diesem Lessing-Abend gründlich.

Vor allem drei Ensemble-Mitglieder prägen diesen „Nathan der Weise“ auf ihre eigene Weise. Allen voran natürlich Valery Tscheplanowa in der Titelrolle, der die Kritiker von SZ bis FAZ zu Füßen lagen. Wenige Wochen vor der Premiere sprang sie für Judith Engel ein und meistert diesen Part mit Knopf im Ohr mit einer so bravourösen Selbstverständlichkeit, dass man fast nicht glauben kann, dass die Besetzungsliste je anders geplant war.

Tscheplanowa ist eine Rasche-Spielerin par excellence: mit ihrem ganz eigenen Mix aus filigranen Bewegungen und Stimmgewalt glänzte sie schon in zwei seiner stärksten Arbeiten, die bereits erwähnten „Räuber“, mit denen er 2017 seinen Durchbruch feierte, und „Die Perser“, die vor fünf Jahren in Salzburg Premiere feierten. In einem Abend, der mit vier Stunden deutlich zu lang ist, setzt sie starke Akzente: zu nennen sind hier vor allem die berühmte „Ringparabel“ vor der Pause, in der Nathan die Gleichrangigkeit der Weltreligionen und das Toleranzprinzip gegen den Fundamentalismus und Eiferer verteidigt, und ihr „Zu Hilfe! Zu Hilfe!“-Schlusswort.

Es wäre schön, wenn es nicht bei einem kurzen Theaterbühnen-Gastspiel von Tscheplanowa bliebe, die nach Castorfs Volksbühnen-Abschieds-„Faust“ und ihrem Salzburger „Buhlschaft“-Auftritt 2018 verkündete, dass sie sich auf den Film konzentrieren will. Bleibende Spuren hat sie in den vergangenen Jahren dort jedoch nicht hinterlassen, ihre Filmografie beschränkt sich fast nur auf TV-Produktionen und Nischen-Kino-Filme wie „Echo“, das in der gerade eingestellten Berlinale-Nebenreihe „Perspektive Deutsches Kino“ lief. Vielleicht ist der Jubel für ihren „Nathan“ der Grundstein für ein von vielen ersehntes Theater-Comeback von Valery Tscheplanowa.

Sein Rasche-Debüt gibt als Tempelherr Mehmet Ateşçi, der vom Gorki Theater über das Burgtheater ans Schauspielhaus Hamburg wanderte. Mit raubkatzenhafter Eleganz schleicht er wie Rilkes Panther über die Drehbühne: lauernd gibt er die Grundstimmung für den antisemitischen Mob vor, der Nathan bedroht. Diese Gegenpositionen zur aufklärerischen Doktrin Lessings verstärken Rasche und sein Dramaturg Sebastian Huber mit antisemitischen Fremdtext-Schnipseln von Zeitgenossen wie Fichte und Voltaire, die das Programmheft in ausführlichen Essays und Interviews einordnet.

Eine kleine Rolle, aber mit starker Präsenz hat Almut Zilcher, die nach dem clownesken König Popo in Rasches „Leonce und Lena“ am Deutschen Theater Berlin wieder als Sitta, Schwester des Sultans (Nicola Mastroberardino) dabei ist. Mit Tscheplanowa hat sie gemeinsam, dass Dimiter Gottscheff ein prägender Regisseur ihrer Theaterbiographie war und dass sie mit ihrer Sprachgewalt schnell zum Mittelpunkt der jeweiligen Szene wird.

Anders als in seinen letzten Arbeiten am Deutschen Theater Berlin, die sich auf pausenlose 2,5-3 Stunden einpendelten, fehlt Rasches „Nathan der Weise“ der verdichtende dramaturgische Feinschliff. Regelrecht erschlagen wird das Publikum von den Textmassen, aus denen die Auftritte der genannten Solist*innen herausragen und einem düsteren, streckenweise redundanten Abend ihren Stempel aufdrücken.

Bilder: Salzzburger Festspiele/Monika Rittershaus

 

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