Selten werden Filme so kontrovers aufgenommen wie dieser Dokumentarfilm: bei der Premiere im Wettbewerb von Venedig gab es 25 Minuten langanhaltenden Applaus. Wie der Vorgänger-Film „No Other Land“, der auf der Berlinale 2024 einen Eklat auslöste, aber den Europäischen Filmpreis gewann, wird auch dieser neue Film des Regie-Duos Yuval Abraham und Rachel Sczor bereits als Oscar-Kandidat gehandelt. Empörung erntete der Film in Israel. Miki Zoha, Kulturminister in Benjamin Netanjahus rechtsgerichteter Regierung, forderte die Ausbürgerung der Filmemacher, vor dem Haus von Sczors Eltern gab es wütende Proteste gegen die „Verräter“.

Was ist geschehen? Was lässt die Wogen so hoch schlagen? Wieder einmal geht es um die Folgen des Hamas-Terrors vom 7. Oktober 2023 und um den israelischen Gegenschlag in Gaza. Wieder einmal geht es um die Frage, ob Israels Reaktion verhältnismäßig ist oder zu viele „Kollateralschäden“ in Kauf nimmt.

24 Whistleblower aus Israels Militär und Geheimdienst treten anonym über den Dächern von Tel Aviv vor die Kamera und geben ihre Sicht auf die Kriegsmaschinerie zu Protokoll. In 80 Minuten, die von der linksliberalen britischen Qualitätszeitung Guardian und dem „The Zone of Interest“-Regisseur Jonathan Glatzer koproduziert wurden, fügen sie eine Collage zusammen, die sich zu einem eindeutigen Bild fügt: Ja, Israel hat bei seinem Gegenschlag den Tod von Frauen und Kindern, von unbeteiligten Zivilisten in Kauf genommen.

Die Kritik an dieser Doku-Collage ist deshalb so vehement, da sie zwar sachlich im Ton bleibt, aber alle entlastenden Argumente auslässt. Ebenso bekannt wie das Elend der Bevölkerung in Gaza, das unter dem Krieg leidet, ist die Strategie der Hamas, dass sie ihre Stützpunkte gezielt mitten in Wohnblocks oder Krankenhäuser verlegt. Gegenschläge ohne Kollateralschäden werden somit fast unvermeidlich.

Wie die Diskussion um Rot-Rot-Grün in der Berliner Landespolitik zeigt, ist die gesamte Debatte bereits so emotionalisiert und vergiftet, dass nüchterne Distanz Not tut. „NAZA“, das hebräische Kürzel für „Kollateralschäden“, ist ein wichtiger Film, der präzise einen Ausschnitt beschreibt. Einen Ausschnitt, der weiterer Einordnung bedarf, wie sie zum Beispiel die ZEIT mit einem Pro und Contra von Eva Menasse und Philipp Peyman Engel leistete.

„NAZA“ hatte am 10. September 2026 im Wettbewerb von Venedig Premiere und wurde nach der enormen Resonanz auch von der Jury mit einem Spezial-Preis ausgezeichnet. Unabhängige Jury verliehen dem Film außerdem den Edipo Re Award, den Green Drop Award, den Leoncino d´Oro Award und den Sorriso Diverso Venezia Award. Kurz danach kürte es das Publikum in San Sebastian zum besten europäischen Film des Festivals. Eine „Honorable Mention“ in der Sektion für internationale Dokumentarfilme folgte auf dem kleineren Festival in Athen. Außerdem lief er auf den Festivals in New York und Zürich.

Am 1. Oktober 2026 startete er in den Kinos, demnächst soll auch ein Stream auf der Guardian-Website angeboten werden.

Bild: James Wilson/Immer gute Filme

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