Mononoke

Zum Abschluss seines Eröffnungs-Premieren-Triples präsentiert Matthias Lilienthal dem Berliner Publikum noch einen neuen Namen auf der Regie-Position. Bestens vertraut seit Gründung des HAU sind Rimini Protokoll und ihre Experten des Alltags, aus Theatertreffen-Einladungen seiner Münchner Kammerspiele-Intendanz ist uns auch Anta Recke bekannt. 

Zu Satoko Ichihara mussten jedoch sicher auch viele regelmäßige Theatergänger Google befragen. Die schüchterne junge Frau aus Osaka, die sich beim Schlussapplaus verbeugt, fiel im deutschen Sprachraum erstnals beim Festival „Theater der Welt“ 2023 auf, ihr preisgekröntes Stück „The Bacchae – Holstein Milk Cows“ war auch in der vergangenen Spielzeit mehrfach am Zürcher Schauspielhaus zu sehen.

Der Name mag neu sein, der Stil ihres Berlin-Debüts „Mononoke“ ist uns allerdings bestens vertraut: der aufgekratzte Ton, das wilde Jonglieren mit Motiven und Bezügen, das ist allerbeste Volksbühnen-Tradition. Herrlich abgedreht ist der Plot, den die Regisseurin mit ihrem Ensemble entwickelt hat.

Überdeutlich ist dem Abend anzumerken, dass Ichihara aus Japan keinen fertigen Text mitgebracht hat, sondern ein Grundgerüst aus Figuren, das sie gemeinsam ausfüllten. Dementsprechend holprig sind die dramaturgischen Übergänge häufig. 

Jede aus dem Quartett darf sich einmal in den Vordergrund spielen: Rosa Lembeck, die Entdeckung mit der Pollesch zu Beginn seiner Intendanz aufwartete, ist die junge Takako, die staunend mit großen Augen durch das Motiv-Geflecht stolpert. In ihrer Vagina hat sich ein Bakterium eingerichtet (Gro Swantje Kohlhoff, eine Entdeckung aus Lilienthals Münchner Zeit, die aus dem Dionysos.Stadt-Marathon bekannt ist und nun ihr Berliner Engagement antrat). Hinzu gesellen sich noch eine Fake-Ärztin (River Roux, die Pollesch als Teil eines Stripperinnen-Kollektivs für sein Haus entdeckte, die ihr Potential bei einem Solo im Roten Salon aufleuchten ließ und gestern ihr Debüt auf der großen Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz gab), sowie in einer Doppelrolle als Takakos Vater und Sexpuppe keine geringere als die amtierende Schauspielerin des Jahres, Julia Riedler. Hinzu kommen lebensgroße Puppen aus der Bunraku-Tradition, die von gleich drei Spielerinnen (Gwentsche Kollewijn, Akira Schroth, Maria Vittoria Zinoni) geführt werden müssen und als Dialogpartnerinnen fungieren.

So durchgeknallt wie diese knappe Skizze der Figuren-Konstellation entwickelt sich der gesamte Plot, der viele ältere Besucher die Flucht ergreifen lässt, aber auf die Gen Z zugeschnitten ist: aus dem Gewitter der Motive und Bezüge kristallisieren sich die Kritik an patriarchalen Strukturen und am Zwang zur Selbstoptimierung als zentrale Themen heraus.

 Als schräger Spaß in guter alter Volksbühnen-Tradition wären diese zwei Stunden vermutlich schnell vergessen, wenn sie nicht noch mit einem besonderen Coup aufwarten würden. Mire Lee, ein südkoreanischer Shooting Star der bildenden Kunst, gab ihr Debüt als Bühnenbildnerin. 2024 feierte sie ihren Durchbruch mit einer Schau in der Tate Modern. Großformatige, immersive Installationen voller Maschinen und Schläuchen sind ihr Markenzeichen. Ein gewaltiges Stelen-Feld und eine Alien-artige Gebärmutter-Fantasy-Konstruktion sind das Highlight dieser Inszenierung und machen Lee zur Topfavoritin, wenn am Ende der Spielzeit das Bühnenbild des Jahres gekürt wird.

Leider wird dieses tolle Bühnenbild nicht mit letzter Konsequenz genutzt, sondern bleibt oft doch Kulisse für das Gewusel auf der Vorderbühne. Ein Beleg mehr, dass dieser Abend nicht aus einem Guss entstand, sondern als Work in Progress aus vielversprechenden Einzelteilen gemixt ist.

„Monooke“ wurde am 3. Oktober 2026 in der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz uraufgeführt.

Bilder: Diana Pfammatter

 

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