Als Spezialist für Gothic-Atmosphäre erweist sich wieder mal Ersan Mondtag. Er schickt Sebastian Zimmler als Emo-„Hamlet“ durch eine düster-dräuende Szenerie. Wohl fühlt sich Hamlet nur im Techno-Club, wenn er mit seinen Kumpels Rosenkranz (Amal Keller) und Güldenstern (Paul Zichner) Party-Drogen einwerfen, sich ganz dem Rausch hingeben und den in Großaufnahme gefilmten Blow-job seines Lovers Ophelia (Pierre Emö) genießen darf. Eine Augenweide sind die meist in Schwarz gehaltenen Kreationen, die Josa Marx für den Hauptdarsteller und den Motiv-Strang im Club entworfen hat.
Jenseits der Club-Tür herrscht das Technokraten-Paar Claudius (Marc Oliver Schulze) und Gertrud (Pauline Knof zur Karikatur zwischen Wachsfigur und Melania Trump umgeschminkt). Mondtags langjähriger Partner Wilke Weermann bekam den Auftrag, den Shakespeare-Klassiker zu überschreiben. Die ganzen langen 3,5 Stunden ist der Druck deutlich spürbar, unter dem der Autor und die Dramaturgin Sibylle Baschung standen. Einerseits wurde schon im Ausblick auf die neue Spielzeit groß angekündigt, dass dieser Hamlet in die Berliner Gay-Szene mit ihren Darkrooms verlegt werde und er sich Ophelia homoerotisch hingezogen fühle. Die Siegessäule, das wichtigste queere Stadtmagazin Berlins, widmete dem Event dann auch gleich die aktuelle Titelgeschichte. Andererseits wollte man das bildungsbürgerliche Stammpublikum nicht verschrecken.

In der Tat erkennt hier jeder Theatergänger seinen Shakespeare über weite Strecken ganz problemlos wieder. Der Ton ist meist getragen-altertümlich. Die Aktualisierung beschränkt sich auf diffuse Anspielungen auf das „Zeitenwende“-Diktum, kleinere Einschübe in Jugend- und Alltagssprache und die bereits beschriebenen Szenen im Club sowie die Kostüme. Dementsprechend unentschieden wirkt der Abend.
Die beschriebenen Stärken spielt die Inszenierung nicht aus: die kreativen bis kinky Outfits und den charismatischen Hauptdarsteller, der vor seinem Wechsel nach Berlin lange Publikumsliebling am Thalia Theater in Hamburg war. Stattdessen schleppen sich die 3,5 Stunden ohne beherzten dramaturgischen Schliff zu zäh dahin. Dass Wilke Weermann ein talentierter junger Theatermacher ist, bewies er erst vor wenigen Wochen ein paar hundert Meter weiter mit seiner Uraufführung der „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“. In der Kammer des Deutschen Theaters gelang ihm eine amüsante DDR-Bürokratie-Farce-Regie-Arbeit.
Die „Hamlet“-Überschreibung hatte am 5. November 2026 im Großen Haus des Berliner Ensembles Premiere.
Bilder: Lukas Städler