Die Hand Gottes

Einen sehr persönlichen Film stellte Paolo Sorrentino im Wettbewerb von Venedig vor: er erinnert sich an seine Jugend in Neapel, lässt eine ganze Armada höchst skurriler Figuren aufmarschieren und verbeugt sich vor dem Idol seiner Kindheit, dem im vergangenen Jahr verstorbenen Ausnahme-Fußballer Diego Armando Maradona.

Er führte nicht nur Argentinien zum WM-Titel 1986, als er im Viertelfinale gegen England seine Gegenspieler mit einem Jahrhundert-Dribbling fast quer über das gesamte Spielfeld narrte und bei einem irregulären Tor die „Hand Gottes“ zur Hilfe nahm, wie er schlitzohrig einräumte. Er brachte auch dem SSC Neapel den lang ersehnten nationalen Meistertitel, von dem der kleine Fabietto träumte. Dieses Alter ego des jungen Paolo Sorrentino spielt Filippo Scotti sehr überzeugend. Dass Paolo in der Realität ebenso wie die Filmfigur Fabietto kein Spiel ausließ, sollte ihm das Leben retten: dadurch war er zur richtigen Zeit nicht am falschen Ort und entkam dem Unglück, das ihn zum Waisen machte. In dieser Szene, die fast 1:1 die Kindheitserinnerungen des Regisseurs abbildet, wird der autobiographische Charakter von „Die Hand Gottes“ (im Original: „È stata la mano di Dio“) besonders deutlich.

„Die Hand Gottes“ zeichnet ansonsten in launig-mäandernden Szenen das Erwachsenwerden des Jungen nach. Viel Zeit nimmt sich Sorrentino, all die sonderbaren Typen zu porträtieren, die seinen Weg säumten: die Mutter, die ständig zu Streichen aufgelegt ist, eine alte Tante, die zu touretteartigen Unflätigkeiten neigt, eine jüngere Tante, die mit ihren exhibitionstischen Sonnenbädern die gierigen Blicke der pubertierenden und erwachsenen Männer auf sich zieht (siehe Bild) oder die Baronin, die im verblassenden Glanz ihrer Vergangenheit lebt und ihn in die Geheimnisse des Sex einführt, und noch manch andere skurrile Gestalten mehr…

Die Miniaturen, die sich in den knapp zwei Stunden aneinanderreihen, durchweht wie schon einige frühere Sorrentino-Filme (z.B. „Ewige Jugend“) ein aus der Zeit gefallener Alt-Herren-Humor, obwohl der Regisseur erst vor kurzem seinen 50. Geburtstag feierte. Trotz einiger Längen und Redundanzen ist der Film in seiner schrulligen Art recht unterhaltsam. Die Jury in Venedig überzeugte „Die Hand Gottes“ so sehr, dass sie ihm einen Silbernen Löwen (den Großen Preis der Jury) verlieh. Der Film stand auch auf der Golden Globe- und Oscar-Shortlist für den besten fremdsprachigen Film, konnte sich aber in beiden Fällen nicht gegen „Drive my car“ durchsetzen.

Seit dem 2. Dezember 2021 läuft „Die Hand Gottes“ in ausgewählten Kinos, ab 15. Dezember auch auf Netflix.

Bild: Netflix

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