Nach zweieinhalb anstrengenden Wochen ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Was bleibt vom Theatertreffen 2026?
Das Festival demonstrierte, wie begeisternd Theater sein kann, wenn tolle Spieler, ein gelungenes Konzept und ein starker Bezug zu unserer Lebenswelt zusammenfinden. Mindestens ebenso oft mussten wir aber auch quälendes, ödes Theater durchstehen, das in Überlänge versandete oder sich hinter der vierten Wand verschanzte.
Das Bemerkenswerteste am aktuellen Jahrgang war, dass drei Regisseur*innen mit einem jeweils zurecht preisgekrönten Highlight auftrumpften, denen das nach mittelmäßigen, allzu banalen Auftritten nicht unbedingt zuzutrauen war. Die Rede ist von Lucia Bihler mit „Die Welt im Rücken“, Leonie Böhm mit „Fräulein Else“ und Jan-Christoph Gockel mit „Wallenstein“.
Alle drei sind seit Jahren im Theaterbetrieb präsent, Bihler und Böhm waren auch schon zum TT eingeladen und Gockel inszeniert regelmäßig am DT und den Münchner Kammerspielen. Aber alle drei Karrieren schienen zu stagnieren. In allen drei Fällen war eine klare, eigene Handschrift zu erkennen, aber Muster schienen sich zu sehr zu wiederholen und der ganz große Wurf blieb aus.
Um so schöner, dass allen drei, Bihler, Böhm und Gockel in diesem Jahr eine herausragende Arbeit gelang, die sie aus dem grauen Mittelfeld in die Champions League katapultierte. Auffällig ist auch, dass alle drei ihrem grundsätzlichen Stil treu blieben, diesmal aber der Stoff, das Ensemble, die Ausstattung und die Regieeinfälle so glücklich ineinander griffen, dass tolle Abende entstanden.
Bihler überzeugte mit ihrer Stuttgarter Adaption von Thomas Melles „Die Welt im Rücken“, Paulina Alpen ragte hier heraus und gewann den Alfred-Kerr-Preis für die beste junge Darstellerin. Mit zwei Nestroys und der amtierenden Schauspielerin des Jahres Julia Riedler reiste Leonie Böhms „Fräulein Else“ nach Berlin an und wird ab der neuen Spielzeit auch im Repertoire der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz zu sehen sein. Beiden Abenden ist deutlich anzumerken, dass es sich bei den Texten um Herzensangelegenheiten der Regisseurinnen handelte: schon seit 10 Jahren hatten sie diesen konkreten Text im Auge. Ein großer Wurf ist auch Jan-Christoph Gockels „Wallenstein“, der politische Analyse mit Comedy kurzschloss, den Spagat zwischen Publikums-Event und Klassikerpflege schaffte. Dafür gab es den 3sat-Preis an Katharina Bach und für alle drei Abende Standing Ovations.
Die große Abwesende dieses Festivals war der aktuelle Superstar unter den Regisseur*innen: Florentina Holzinger. Nach ihrer fulminanten Crossover-„Sancta“ war sie diesmal mit ihrer schwächeren Inszenierung A Year without Summer“ eingeladen. Da Holzinger jedoch parallel den österreichischen Pavillon auf der Biennale bespielen musste, wird diese Arbeit erst im Oktober unter der Volksbühnen-Intendanz von Matthias Lilienthal wieder zu sehen sein. Mit einem klugen Schachzug berief er sie auch in sein Advisory Board.
Das Theater braucht dringend eine so grenzüberschreitende, frischen Wind in den oft verkrusteten Betrieb bringende Ausnahmekünstlerin wie Holzinger. Jedenfalls viel dringender als umgekehrt. Holzinger ist auch in der Welt der Bildenden Kunst und Galerien sehr gefragt und bespielt mehrere Kunstgattungen gleichzeitig, wie ihre Biennale-Einladung zeigt.
Die 10er Auswahl und die Shortlist demonstrieren auch, dass das Theaterleben in Berlin derzeit nicht unbedingt Champions League-würdig ist. Die nach dem Tod von René Pollesch lange Zeit nur interimistisch geführte Volksbühne steht am besten da, hatte neben „Florentina Megastar“ aber nur noch zwei Retro-Arbeiten von Marthaler und Vinge/Müller auf der Shortlist, die es zurecht nicht in die Auswahl schafften. Eine besondere Pointe ist, dass sonst nur noch Shermin Langhoffs Gorki Theater auf der Shortlist stand und zwar ausgerechnet mit „Donation“ von Atom Egoyan, also einer Arbeit, die als szenische Installation eines Filmemachers näher am kuratorischen Konzept der neuen Intendantin Çağla Ilk als am klassischen Sprechtheater ist.
Ganz ohne Short List blieben die beiden Berliner Auslastungskönige, Thomas Ostermeiers Schaubühne und Oliver Reeses Berliner Ensemble, sowie das Deutsche Theater, das auch in Iris Laufenbergs dritter Spielzeit oft glücklos agiert.
Die Berliner Freie Szene mit den beiden Leuchttürmen HAU und Sophiensaele durfte sich ebensowenig über eine Shortlist-Nominierung freuen. Die Freie Szene war wie üblich dennoch mit einer Arbeit vertreten: Julian Hetzels „Three Times Left is Right“, einer Koproduktion von Milo Raus Wiener Festwochen und der Residenz des Schauspiels Leipzig. Einige Buhs erntete diese Inszenierung, darüber hinaus heftige Ablehnung von Sophie Diesselhorst und Janis El-Bira (Nachtkritik) sowie Peter Laudenbach (SZ). Alle drei fragten sich, wie eine derart platte Arbeit das Jury-Auswahlverfahren überstehen konnte. Sie haben sicher einen Punkt, dass der Abend seine eigenen guten Ansätze platt macht, aber die Fragestellung fand ich so interessant, dass ich nachvollziehen kann, was die Jury-Mehrheit bewog, den Abend einzuladen. Wie knapp und strittig diese Entscheidung ausfiel, bleibt natürlich Geheimnis der Jury.
Ganz anders als die hitzig-polarisierende Doku-Fiction-Performance zum Abschluss lief der Auftakt mit zwei überlangen Roman-Adaptionen. Pinar Karabuluts „Il Gattopardo“ versank zur Eröffnung komplett in Ausstattungs-Opulenz und gepflegter Langeweile. In den mehr als drei Stunden, die sich noch viel länger anfühlten, wurde nicht deutlich, was sie und ihr Team mit dem historischen Kostümschinken erzählen möchten. Besser gelang dies Jette Steckel mit ihrem Münchner „Mephisto“ und dem vielfach preisgekrönten Thomas Schmauser in der Hauptrolle. Der Abend hat zwar auch viele Längen und wirkt oft allzu gediegen, entwickelt aber angesichts des Aufstiegs der AfD auch eine nicht zu übersehende Dringlichkeit.
Die 10er-Auswahl komplettierten: Zum einen die Doppel-Einladung von Sebastian Hartmann, dem Hausgott einiger Jury-Mitglieder, der die Potsdamer Reithalle mit einer mehr als fünfstündigen Solonummer über eine toxische, aus der Zeit gefallene Houellebecq-Figur leer spielt und Cottbus mit albernem Kasperletheater frei nach dem „Hauptmann von Köpenick“ zu einer ersten TT-Einladung verhalf. Zum anderen die junge britische Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart, die vor einigen Jahren beim Nachwuchs-Festival Fast Forward auffiel, deren Basler „Glasmenagerie“ aber keinen bleibenden Eindruck hinterließ und auch Buhrufe erntete.
Die letztgenannten Arbeiten hatten gemeinsam, dass die Jurorinnen Christine Wahl und Alexandra Kedves bei der traditionellen Abschluss-Diskussion einen unfreiwillig komischen Auftritt hinlegten. Es war fast egal, wie die Frage lautete, die Antwort lautete fast immer Hartmann (Wahl) oder Glasmenagerie (Kedves), so verliebt waren die Kritikerinnen in ihre Favoriten.
Ansonsten plätscherte die Schlussdiskussion vor sich hin, bis Festival-Chefin Nora Hertlein-Hull noch mit einer Überraschung aufhorchen ließ: die 2019 eingeführte Frauen-Quote wird in den beiden kommenden Jahren nicht mehr gelten. Bei der nächsten Ausgabe soll grundlegender über strukturelle Ungleichheit gesprochen werden, das Stichwort Rassismus fiel.
Rückblickend war die 2026er Ausgabe eine durchwachsene Ausgabe mit einigen Highlights, aber ähnlich vielen Tiefpunkten, so dass sie sich im Vergleich mit früheren Jahrgängen irgendwo im Durchschnittsbereich einpendelt.
Es bleibt zu hoffen, dass nächstes Jahr die begeisternden Abende überwiegen und dann vielleicht die Verteilung der Pressekarten fairer ausfällt. Auffällig ist, dass die Räume für Berichterstattung bei vielen Medien schwinden, einige nur Kürzest-Texte oder eine Bilanz liefern, in Einzelfällen anscheinend sogar überhaupt nichts veröffentlichen, dennoch jeden Abend herumgockeln und ein komplettes 10er-Kontingent zugeschoben bekommen.
Bild: Marcel Urlaub