Kino-Bilanz 2019

Alle drei großen A-Festivals überzeugten 2019 mit starken Wettbewerbsfilmen.

Dieter Kosslick präsentierte bei seiner letzten Berlinale zwar einige Flops wie den kitschigen Eröffnungsfim Kindness of Strangers von Lone Scherfig, aber auch einige Werke, die in Erinnerung bleiben werden.

Zwei Filme ragten aus dem Berlinale-Wettbewerb 2019 heraus: der Überraschungshit Systemsprenger von Nora Fingscheidt über die achtjährige tickende Zeitbombe Benni (Helena Zangel), die ihren Betreuer (Albrecht Schuch) an seine Grenzen bringt. Der verdiente Lohn für den besten deutschen Film waren nicht nur ein Silberner Bär, sondern auch glänzende Besucherzahlen beim Kinostart im Herbst und eine Oscar-Nominierung. Der Goldene Bär ging an Synonymes des israelischen Autorenfilmers Nadav Lapid. Dieser Film ist vieles in einem: rätselhafter Spaziergang durch Paris, heftige Kritik an Israel, Satire auf Integrationskurse, Hommage an die französische Nouvelle Vague und semi-autobiographische Vergangenheitsbewältigung des Regisseurs. Aber vor allem macht ihn der Hauptdarsteller Tom Mercier zum Ereignis.

Erwähnenswert aus dem Berlinale-Wettbewerb sind außerdem: Grace â dieu – Gelobt sei Gott ist eine hochaktuelle Auseinandersetzung mit einem laufenden Missbrauchs-Verfahren gegen katholische Würdenträger, für die Francois Ozon mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Claudio Giovanessi gelang ein packendes Drama mit jungen Laiendarstellern: Paranza – Der Clan der Kinder reicht zwar nicht an seine vielschichtigere Serie „Gomorrha“ heran, bekam aber einen Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Das hochkomplexe, fast dreistündige Familien-Epos So long, my son von Wang Xiaoshuai verschränkt Privates mit chinesischer Politik und durfte die beiden Silbernen Bären für die besten weiblichen und männlichen Hauptdarsteller*innen mit nach Hause nehmen. Marie Kreutzers Der Boden unter den Füßen ist eine interessante Psycho-Studie über eine Frau, die unter dem Leistungsdruck zerbricht und im Wahn versinkt. Eine skurrile, feministische Komödie präsentierte Teona Strugar Mitevska mit God Exists, Her Name is Petrunija.

Weitere deutsche Wettbewerbs-Beiträge waren Fatih Akins Roman-Adaption Der goldene Handschuh, die trotz Gorki-Theater-Star Jonas Dassler als Serienmörder auf St. Pauli nicht überzeugen konnte, und der sehr sperrige, polarisierende Angela Schanelec-Film „Ich war zuhause, aber…“.

Ein Highlight nicht nur der Berlinale, sondern der gesamten Oscar-Saison war Vice – Der zweite Mann: mit satirischem Biss und glänzend recherchiert rechnet Adam McKay in seinem zweiten Film nach The Big Short mit Dick Cheney, dem Strippenzieher und Hardliner hinter George W. Bush, ab. Ebenfalls außer Konkurrenz präsentierte die Berlinale den israelischen Agenten-Film The Operative, der mehr als das befürchtete Diane Kruger-Vehikel ist, nämlich ein gelungenes Genre-Drama über die Geheimdienstwelt.

Im Panorama der Berlinale gab es folgende Entdeckungen: Sehenswert war Skin, eine sehr intensive Charakterstudie über einen amerikanischen Neonazi-Aussteiger, die von der Präsenz ihres Hauptdarstellers Jamie Bell lebt. Kirill Serebrennikows Lieblingsschauspieler Alexander Gorchilin präsentierte sein Film-Debüt, die düstere Milieu-Studie Acid – Kislota über eine orientierungslose russische Jugend. Von der Video-Clip-Ästhetik war Jessica Forever geprägt, ein surreales Drama über junge Männer im Drohnen-Krieg. Flops der Panorama-Sektion waren „All my loving“ von Edward Berger, ein klischeehafter Film über drei sehr unterschiedliche Geschwister mit Lars Eidinger, Xaver Böhms Fantasy-Märchen „O beautiful night“ und Mid90s, ein Skater-Porträt von Jonah Hill. Höhepunkt der Perspektive Deutsches Kino war das essayistische Born in Evin über das Lebensthema der Schauspielerin Maryam Zaree.

Die Filmfestspiele in Cannes glänzten im Mai mit Parasite von Bong Joon-ho: dieser Film gewann sehr verdient die Goldene Palme und spielt virtuos mit verschiedenen Genres von Thriller bis Groteske. Der südkoreanische Meister-Regisseur wurde kurz danach auch beim Filmfest München mit einer eindrucksvollen Retrospektive gewürdigt.

Weitere Highlights im Wettbewerb von Cannes:

Terrence Malick ist mit dem grandiosen Porträt A hidden life – Das verborgene Leben über einen katholischen Nazi-Widerstandskämpfer wieder auf der Höhe seines Könnens. Fernab des Mainstreams, monolithisch und schroff ragt dieser Film aus der Kino-Landschaft heraus, die Nebenrollen sind mit einem Who is who der deutschen Theaterlandschaft besetzt. Celine Sciámma überraschte mit dem sehr elegischen, einfühlsamen Porträt einer jungen Frau in Flammen über das Scheitern einer lesbischen Liebe im 18. Jahrhundert, dem zwar die Leichtigkeit ihrer früheren Filme fehlte, das aber ein absoluter Kritiker-Liebling des Jahres war. Den Preis der Jury teilte sich das beeindruckende Drama Les Miserábles über die Eskalation der Gewalt in den Banlieues mit Bacurau, einer zu plakativen Parabel auf die Brutalität des rechtspopulistischen neuen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Wunderbar raffiniert spielt Corneliu Porumboiu in La Gomera mit stereotypen Motiven des Noir-Genres und Anspielungen auf die Filmgeschichte. Il TraditoreDer Verräter ist künstlerisch wesentlich konventioneller, aber ein sehr interessantes Zeitdokument über die Gerichtsprozesse gegen die Mafia-Paten. Mit „Matthias et Maxime“ von Xavier Dolan konnte ich ein weiteres Highlight leider noch nicht sehen.

Schwächer, aber dennoch erwähnenswert waren in Cannes in diesem Jahr:

Der sehr prominent besetzte Zombie-Film The Dead don´t die war ein netter Spaß zur Eröffnung, der manche Gags etwas zu sehr strapaziert. Mit ihrem Alterswerk Dolor y gloria – Leid und Herrlichkeit ziehen Regisseur Pedro Almodóvar und Hauptdarsteller Antonio Banderas Bilanz ihres künstlerischen Schaffens, mäandern dabei aber sehr stark. Atlantique von Mati Diop ist ein vielversprechendes Debüt, das Flüchlingsdrama mit Geistergeschichten zu kombinieren versucht und mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Außer Konkurrenz lief das Biopic Rocketman, das mit Witz und Ironie die Höhen und Tiefen von Elton John nachzeichnet.

Enttäuschungen im Wettbewerb von Cannes waren die sehr zähe Once upon a time in Hollywood-Hommage von Quentin Tarantino, Leonardo di Caprio und Brad Pitt an die 60er Jahre und der fade Slapstick Vom Gießen des Zitronenbaums von Elia Suleiman.

Aus den Nebenreihen sind vor allem Zombi Child von Bertrand Bonello und Der Leuchtturm von Robert Eggers erwähnenswert. Der eine Film verbindet politische Reflexionen über die „Grande Nation“ mit Internats- und Zombie-Storys, im anderen Film kämpfen die beiden Hollywood-Stars Robert Pattinson und Willem Dafoe in expressionistisch stilisierten Bildern mit sich und gegen einander.

In einer Rückschau auf das Kinojahr 2019 dürfen auch zwei Cannes-Highlights von 2018 nicht fehlen, die es erst in diesem Jahr in unsere Kinos schafften: Capernaum von Nadine Labaki gewann 2018 den Preis der Jury und erzählt in dokumentarisch anmutenden Rückblenden und mit glänzenden Laienschauspielern vom sozialen Elend in den ärmeren Vierteln von Beirut. Border war der Hit in der „Un certain regard“-Reihe in Cannes 2018. Er wandelt sich vom Fantasy-Film und von der gesellschaftskritischen Parabel über eine Außenseiterin, die nicht den Normen und Schönheitsvorstellungen entspricht, hin zu einem Thriller über Ermittlungen gegen einen Kinderporno-Ring.

Höhepunkte im Wettbewerb von Venedig:

Eindrucksvoll und von Hoyte van Hoytemas Kamera glänzend gefilmt war der Ad Astra-Selbstfindungstrip ins Weltall mit Brad Pitt, der geschickt mit klassischen Topoi spielt. Ein fein nuanciertes Scheidungs-Drama im Künstler*innen-Milieu bieten Scarlett Johansson und Adam Driver in Noah Baumbachs Marriage Story. Die Nebenreihe Orizzonti eröffnete Pelikanblut, ein intensives Adoptions-Drama von Katrin Gebbe mit Nina Hoss, das gegen Ende zu sehr ins Mystery-Genre abdriftet. Der Joker von Todd Philipps lebt vor allem von der hervorragenden Performance seines Hauptdarstellers Joaquin Phoenix und hätte deshalb eher einen Silbernen als den Goldenen Löwen verdient.

Nicht so gut gelangen Steven Soderberghs Satire The Laundromat über die Briefkastenfirmen-Konstruktionen, die in der „Panama Papers“-Recherche aufflogen, und das Biopic Seberg mit Kristen Stewart in der Hauptrolle der Nouvelle Vague-Ikone Jeanne Seberg, das nur außer Konkurrenz lief. Sehr düster und brutal war das tschechische Drama The Painted Bird, das den Zuschauern wie ein Mühlstein im Magen liegt.

Wie war das Kino-Jahr außerhalb der drei großen Festivals?

Im Januar enttäuschte das kitschige Weihnachtsmärchen Green Book, das neben dem umstrittenen Freddie Mercury-Biopic Bohemian Rhapsody bei den Oscars abräumte. Eine positive Überraschung war Caroline Links einfühlsames Porträt Der Junge muss an die frische Luft über Hape Kerkelings Kindheitstraumata mit dem hervorragenden Julius Weckauf.

Unter den US-amerikanischen Produktionen überzeugte Boy Erased, ein Drama zu den Konversionstherapien, die religiöse Eiferer in den USA anbieten, mit Lucas Hedges und Nicole Kidman mehr als die beiden Sucht-Dramen Ben is back (ebenfalls mit Lucas Hedges und Julia Roberts) und Beautiful boy (mit Timothée Chalamet und Steve Carrell). Neue Tiraden gegen Donald Trump feuerte Michael Moore in Fahrenheit 11/9 ab: wie gewohnt im Zweifel lieber mit dem Holzhammer als mit dem Florett, aber sehr unterhaltsam. Kurz vor der Berlinale startete noch das Biopic über den kubanischen Tänzer Yuli.

Höhepunkt im März nach der Berlinale war Wir/Us, der zweite Film von Jordan Peele, ein Genre-Film voller Anspielungen und Referenzen mit bösem Twist. Mit Spannung wurde auch die John Baldwin-Verfilmung If Beale Street Could Talk von, ein Südstaaten-Rassismus- und Liebes-Melodram mit fast bewegungslosen Tableux vivants. Enttäuschungen im März waren das zweiteilige Brecht-Dokudrama von Heinrich Breloer und die matte Western-Satire The Sisters Brothers, die bereits 2018 in Cannes lief.

Eine Herausforderung für das Sitzfleisch des Publikums war im Hochsommer das Genre-Grenzen sprengende Mammutwerk La Flor, bei dem sich seltene Glanzlichter mit zäh dahin mäandernden Passagen abwechselten. Regisseur Mariano Llinás liebt es, in jeder einzelnen Episode mit den Genre-Stilmitteln zu spielen und Spannung aufzubauen, bevor er den Cliffhanger setzt, dem garantiert keine Auflösung folgt, sondern getreu dem Monty Python-Motto etwas ganz anderes. Die Gute-Laune-Sommerkomödie kam in diesem Jahr von Danny Boyle, der aus einer originellen Idee und den Beatles-Evergreens den unterhaltsamen Film Yesterday machte. Überraschende Film-Entdeckungen im Frühjahr und Sommer waren der slowenische Festival-Hit Posledice/Consequences, das russische Drama The man who surprised everyone und der mittellange, auf dem Max Ophüls-Festival ausgezeichnete Film „Bester Mann“. Sie würden auch sehr gut in die queere Filmreihe des rbb passen, die im Juli und August verdienstvollerweise hervorragende, weniger bekannte, aber auf kleineren Festivals preisgekrönte Filme wie „Something must break“ aus Schweden und „Tiefe Wasser“ aus Polen im TV vorstellte.

Nach dem Sommerloch überzeugte vor allem Midsommar, der zweite Film von Ari Aster, der schwedisches Sommernachts-Brauchtum auf Grusel-Horror treffen lässt. Der erfreulichste deutsche Beitrag des Kino-Herbstes war Mariko Minoguchis Debüt Mein Ende. Dein Anfang, bei dem sich Handlungsstränge und Zeitebenen raffiniert kreuzten. Auf unterschiedliche Art enttäuschten Das perfekte Geheimnis, ein flaches Remake eines Hits aus Italien, und Jan-Ole Gersters lange erwarteter zweiter Film Lara, in dem Corinna Harfouch eine Frau spielt, die sich hinter Sonnenbrille und Teflonschicht verschanzt. In routinierter Professionalität erzählte Christian Schwochow den Schulbuch-Klassiker Die Deutschstunde von Siegfried Lenz. Louis Hofmann hatte einen bemerkenswerten Auftritt als hochbegabter, enormem Druck ausgesetzter Klavier-Meisterschüler im Erstlingswerk Prélude von Sabrina Sarabi.

Am Jahresende war der Sundance-Indie-Hit The Farewell, der asiatische und amerikanische Moralvorstellungen und Lebensstile tragikomisch aufeinander prallen lässt, sehenswerter als die Highschool-Komödie „Booksmart“. Im Advent erwies sich das Festival „Around the World in 14 films“ in der Kulturbrauerei einmal mehr als eine Fundgrube für neue Entdeckungen aus der internationalen Festival-Landschaft.

Ende 2019 verschärfte sich ein Trend aus den vergangenen Jahren: viele Festival-Hits wie Marriage Story oder Atlantique kamen nur kurz oder gar nicht ins Kino, standen stattdessen auf Netflix zum Streamen bereit. Der US-Konzern zog im Dezember einen besonders dicken Fisch an Land. Exklusiv läuft dort das 3,5stündige Mafia-Epos The Irishman von Martin Scorsese mit Robert de Niro und Al Pacino. Der Film ist ein elegisches Alterswerk, das sich alle Zeit nimmt und sein düsteres Halbwelt-Panorama mit sehr viel Patina ausmalt, allerdings auch so schwerfällig erzählt ist, dass er eine der Enttäuschungen eines sehr vielfältigen und hochklassigen Kinojahres war.

Bild: Helena Zangel in „Systemsprenger“. © Peter Hartwig / kineo / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer

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